Nach 7000 Jahren…

Ja, ich bin noch da und nicht in Ägypten verschollen. Mit dem Abflug nach Hurghada am 10. Mai hatte ich mir einfach mal eine längere Internet-Abstinenz auferlegt. Die ist nun vorbei und nun will ich – sozusagen am Vorabend der Präsidentschaftswahl – erzählen, wie es uns in dieser Woche ergangen ist. Insgesamt war die Delegation des Carpathia-Verlages immerhin fünf Köpfe stark. Für drei war es die erste Reise nach Ägypten.

Der Kulturschock fiel, dank intensiver Vorbereitung, dann doch nicht ganz so groß aus. Stellvetretend sei das örtliche Transportwesen genannt. Fröhlich-betrügerische Taxifahrer rasen nämlich nicht aus latenter Todessehnsucht, sondern weil sie in der tiefen Sicherheit ruhen, dass Allah mit den Seinen ist. Es gibt übrigens auch koptische Taxifahrer, die ebenso fröhlich-betrügerisch sind und genauso selbstmörderisch fahren. Die haben dann auf der Heckscheine einen Verweis darauf, dass Jesus ein Auge auf sie hat. Es kann also theoretisch-theologisch nix passieren. Und wer die Fahrt vom Flughafen zum Hotel überstanden hat, den kann dann in den folgenden Tagen wenig erschüttern.

Zur Buchpräsentation in der Villa Kunterbunt bei Barbara und Thomas Bordiehn: Rund 60 Gäste waren gekommen, darunter zahlreiche Menschen, die in Hurghada leben, ob nun Europäer oder Ägypter. Inhaltlich gestaltete sich die Lesung diesmal ein wenig anders. Hatte es im Brauhaus noch lange Passagen über die Revolution in Kairo und Hurghada gegeben, verlegte ich mich in Ägypten eher auf kürzere anekdotische Stücke. Der Grund liegt auf der Hand. Die Mehrzahl der Zuhörer hatte die Revolution ja selbst vor Ort miterlebt. Entsprechend unterschiedlich fiel auch die Diskussion aus. Sie spiegelte einmal mehr die unterschiedliche Sichtweise der Europäer und der Ägypter wieder. Auf die europäischen Seite herrschte noch immer eine gewisse Skepsis, ob die ganze Sache mit der Revolution noch zu einem guten Ende führen würde. Die Ägypter unter den Zuhörern hielten mit großem Optimusmus dagegen. Für mich am eindrucksvollsten an diesem Abend war, wie Mazen Okasha die Größe des bislang Erreichten mit einem einzigen Satz zusammenfaßte: „Zum ersten Mal nach 7.000 Jahren wählen wir Ägypter am 24. Mai unser Staatsoberhaupt selbst in einer freien Wahl.“ Damit haben die Ägypter im übrigen alle Länder, in denen die Arabellion Erfolg hatte, überholt.

Zwei Tage lang werden die Ägypter ihren neuen Präsidenten wählen. Morgen beginnt der Urnengang. Es ist wirklich kaum zu sagen, wer am Ende die Nase vorne hat. Aber wer auch immer an die Macht kommt, muss sich am Ende dem Volk beweisen, denn eines wurde auch an jenem Abend in der Villa Kunterbunt wieder sehr deutlich. Wenn ein neuer Präsident einen alten Kurs fahren sollte, dann wird es nicht lange dauern, bis wieder Millionen auf dem Tahrirplatz stehen.

Ich persönlich neige eher dazu, den Optimusmus der Ägypter als die Skepsis der Europäer zu teilen. Dafür gibt es eine simple Erklärung: Ich habe die Ägypter in den letzten 20 Jahren als hochemotionale Pragmatiker erlebt. Irgendwie klappt es immer, was sie sich vorgenommen haben, wenn auch nicht auf den geraden, gepflegten und sauber gekehrten Wegen, die wir Europäer gerne beschreiten. Da gehts dann auch schon mal durchs Unterholz.

Zum Abschluss noch ein Link aus dem heutigen Tagesspiegel. Wenn diese Einschätzung des sozialdemokratischen Abgeordneten Ziad al Eleimi richtig ist, dann könnte der Stern der Moslembrüder schneller sinken, als jeder erwartet hat.

 

Der Tag zuvor

Zur Abwechslung mal nichts über Ägypten, sondern nur über die eigene Befindlichkeit. Heute morgen, kurz nach dem Aufwachen, wurde mir plötzlich klar, dass morgen ja die Präsentation von „Koulou Tamam, Ägypten?“ ist. (Für alle, die es noch nicht wissen: 19.30 Uhr, Brauhaus Südstern, Hasenheide 69 in Berlin.) Irgendwie hatte ich das komplett verdrängt, und es war irgendwie weit, weit weg. Glücklicherweise ist die große Veranstaltung ja auch auf Facebook angekündigt.

Aber es ist schon merkwürdig, wie man etwas beseite schieben kann, auf das man doch eigentlich seit fünf Monaten jeden Tag hingearbeitet hat. Aber keine Angst, ich werde da sein und auch ein wenig lesen. Vermutlich ist die Lesung die kleinste Übung. Schon morgens im acht soll ich im Studio von Radio multicult.fm sein und ein wenig über „Koulou Tamam, Ägypten?“ plaudern. Eigentlich ist das für mich viel zu früh. Aber ich habe da einen Trick. Ich muss mir nur vorstellen, dass ich zum Tauchen gehe, dann fällt das alles gar nicht so schwer.

So sieht es aus, wenn ich auf dem Boot lese. Alles irgendwie locker, und der Dress-Code ist sensationell.

Meine lieben Freunde und Verleger Robert und Cordelia können das gar nicht so richtig verstehen und auch (noch) nicht richtig vorstellen, dass ich im Urlaub jeden Morgen um sieben aufstehe, während ich in meinem Alltag einfach mal zwei Stunden länger ausschlafen kann. Aber sie werden es, denke ich, ja bald selbst erfahren, wie das ist. Am 10. fliegen wir alle nach Ägypten zur Buchpräsentation zweiter Teil.

Da werde ich – hoffentlich – wieder zu meiner liebsten Form der Lesung kommen: Nämlich auf dem Tauchboot. Zum ersten Mal hatte ich „Tauchboot-Lesungen“ 1995 gemacht. Damals noch auf den Sub-Aqua-Tauchbasen von Roland Schumm und Peter Dangelmeier, später dann bei Ute und Geli und bei Blue Water im Arabella. Mir machen diese Lesungen am meisten Spaß. Das Publikum ist zwar überschaubar, es sind meist nur zehn bis 15 Leute, manchmal weniger, aber es macht mir viel mehr Spaß in solch einem intimen Kreis zu lesen. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer scheint mir größer, und es enstehen viel spontaner Diskussionen über das Gelesene. Die ganze Atmosphäre ist einfach viel lockerer.

Das soll aber nicht heißen, dass ich mich auf die Präsentation morgen im Brauhaus und am 12. Mai in der Villa Kunterbunt nicht auch freuen würde. Das werden sicher zwei schöne Veranstaltungen. Und wer es weder zur einen, noch zur anderen schafft, der muss halt mal mit mir Tauchen gehen. Da lese ich ihm auch gerne etwas vor.

Verwandtschaften

Eigentlich bin ich gerade am vorletzten Kapitel und sollte mich nicht von Dingen wie Blog-Schreiben ablenken lassen. Doch ein kleiner Eintrag soll es dann schon sein, da ich mich gerade mit dem Thema Moslembrüder und ihrem Gründer Hassan al-Banna beschäftigt habe. Immerhin finde ich die Familiengeschichte al-Banna dann doch spannend genug, um damit nicht zu warten, bis das Buch gedruckt ist.

Es ist zwar richtig, dass er der Erfinder des modernen Dschihad ist und in seinem Traktat „Die Todesindustrie“ das Konzept der Selbstmordattentäter entwickelt hat, aber wenn man seine Verwandtschaft anschaut: Hut ab! Sein Bruder Gamal, der jetzt auch schon 91 Lenze auf dem Buckel hat, verkündet sehr zum Ärger aller Konservativen munter einen liberalen, ja libertinären Islam. Frauen sind gleichberechtigt, und wenn sie Schleier tragen, dann sind sie selbst schuld.

Und dann gibt es da noch seinen Enkel Tariq Ramadan, der dem Prinzip des Dschiad abgeschworen hat und für ein friedliches Miteinander zwischen Moslems und Christen eintritt. Das Prinzip vom „Haus des Krieges“, über das der Dschihad als „Heiliger Krieg“ definiert wird, hat er dann einfach mal abgeschafft und durch etwas Vernünftigeres ersetzt. Er lebt in Europa und wird von konservativen Moslems ebenso angefeindet wie von Feministinnen. Machmal gibt es schon merkwürdige Koalitionen.

Allerdings hat Tariq Ramadan ebenfalls einen Bruder. Und der findet es – soweit man der französischen Zeitung Le Monde glauben darf – gut, wenn ehebrecherische Weiber gesteinigt werden.

Ja nun – man kann sich seine Verwandtschaft eben nicht aussuchen.

Die große Verschwörung

Am 15. April jährt sich zum einhundersten Mal der Untergang der Titanic. Vermutlich werden bis dahin in Ägypten schlüssige Beweise auf dem Tisch liegen, dass sie von Hosni Mubarak und seiner Clique versenkt wurde. Vermutlich war er auch in der Verschwörung zur Ermordung Kennedys schuld und hatte ein Verhältnis mit Marylin Monroe. Okay… das mit dem Verhältnis nehm ich jetzt mal zurück, das würde selbst dem verschwörungstheoriefreundlichsten Ägypter dann doch ein wenig zu weit gehen.

Was ist wahr? Was ist gefaket? Was ist ein schlichter Irrtum? Das ist schwer zu sagen in diesen Tagen in Ägypten. Etliche Menschen sind zum Beispiel davon überzeugt, dass die Katastrophe in Port Said gesteuert war. Es spricht einiges dafür, vieles dagegen. Ich weiß nicht, was wirklich wahr ist. Aber die Geschichte scheint wie dafür gemacht, um eine wunderbare Verschwörungslocke zu drehen. Aber es geht auch anders.

Da gibt es eine deutschsprachige Internetzeitung, die heißt „The Intelligence“. Dankenswerterweise weist das Netz-Blättchen in seiner Selbstdarstellung darauf hin, dass das engliche Wort „intelligence“ nicht unbedingt etwas mit dem deutschen Wort „Intelligenz“ zu tun hat. Immerhin hat es diese Publikation geschafft, mich in Sachen Verschwörungstheorien in Ägypten völlig zu verblüffen. Und das ist bestimmnt nicht einfach, nachdem, was ich in den letzten Monaten schon alles gehört habe. Was mich in solch kolossales Erstaunen versetzt hat, war der Artikel „Ein Jahr nach Mubarak, die Situation in Ägypten“ von Kim Kovalsky,

Offensichtlich war die ganze Revolution nichts anderes, als eine große Verschwörung der USA, die ahnungslose Blogger, Studenten und Aktivisten aufgehetzt hat. Der Grund ist ganz klar. Da die Vereinigten Staaten eine neue Weltordnung antreben, nutzen sie die Gunst der Stunde und die revolutionäre Bewegung, um ihre finsteren Ziele zu erreichen. Immerhin hat das der Militärrat so oder so ähnlich jetzt auch schon gesagt. Und tapfer, wie die Herren Militärs nun mal so sind, schoben sie gleich hinterher, dass sie natürlich gegen die unter Verdacht stehenden NGOs vorgehen würden – egal ob sie dadurch finanzielle Einbußen hätten oder nicht. Und da, so meint Kim Kovalsky, habe der Militärrat ausnahmsweise mal recht. Hä?????

Moment mal: Dass wir uns richtig verstehen. Das ägyptische Militär bekommt jedes Jahr 1,3 Millarden Dollar von den USA. Hinzu kommen 4,9 Milliarden Euro an Entwicklungshilfe unter anderem aus den USA und der Bundesrepublik. Warum um alles in der Welt sollten die USA eine Revolution gegen einen Militärrat anzetteln, der ihnen doch sowieso aus der Hand frisst? Da wären die Milliarden doch einfach rausgeschmissenes Geld. Ich halte nun selbst nicht besonders viel von der US-amerikanischen Weisheit in diplomatischen Dingen. Aber für so bescheuert halte sich sie dann auch wieder nicht, einerseits die Militärs mit Milliarden von Dollar an den Fleischtöpfen zu halten, um anschließend in einem großen Masterplan genau diese Militärs von der Macht der Straße verjagen zu lassen. Das ist – mit Verlaub – Bullshit.

Ich denke, dass die Geschichte ein wenig anders liegt. Die Regierung Obama hatte die Entwicklung vor einem Jahr ziemlich verschlafen und viel zu lange an Mubarak festgehalten. Einerseits galt er als treuer Freund, den man in der Not nicht im Stich lässt, auf der anderen Seite sah man in ihm einen wichtigen Stabilitätsfaktor.

Dass politische Stiftungen oder NGOs sich in einer solchen Umbruchsituation, in der ein Land versucht, zur Demokratie zu finden, beteiligen, indem sie logistische Unterstützung – und manchmal vielleicht auch mehr – geben, scheint doch völlig logisch. Es ist ja auch vielleicht ganz nützlich, sich heute jene Leute zu verpflichten, die morgen möglicherweise in der Regierung sitzen. Vielleicht sind da die Konrad-Adenauer-Stiftung und die amerikanischen NGOs wirklich ein wenig übers Ziel hinaus geschossen, haben das ein oder andere Gesetz missachtet oder schlicht und einfach nicht gekannt.

Aber etwas anderes liegt doch auf der Hand. Mal von Israel abgesehen, ist es doch in Ägypten am einfachsten, mit Ressentiments gegen die USA Stimmung zu machen. Es hat vermutlich seit 20 Jahren keine Demonstration im Nahen Osten mehr gegeben, ohne dass mindestens ein Sternenbanner abgefackelt wurde. Außerdem: Die Ministerin, die am lautesten geschrien hat, war Fayzia Abulnaga – und die hatte ihr Amt als Ministerin für internationale Angelegenheiten schon unter Mubarak inne, stammt also definitiv aus dem alten Regime. Ihre Reaktion und ihr Verdacht auf eine vom Ausland gesteuerte Revolution kommt also nicht so ganz überraschend.

Wenn das alles wirklich Teil eines großangelegten Planes zur Schaffung einer neuen Weltordnung gewesen sein sollte, dann müssten da Heerscharen von Dilettanten am Werk gewesen sein. So wird das mit der neuen Weltordnung sicher nichts. Also muss man sich auch gar nicht erst darüber aufregen.

Endspurt

Wenn ich mir die Blogeinträge seit Dezember so anschaue, dann muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich eines natürlich meist schuldig geblieben bin. So versprach ich ja ein ProduktionsbIog. Über die eigentliche Produktion habe ich in diesem Blog allerdings bislang ziemlich wenig berichtet. Das solte ich nun vielleicht nachholen.

Auch am Cover wird - hier von Fränk - schon fleißig gebastelt.

In einer Woche ist Abgabetermin. Jetzt heißt es, sich sputen, dass alles bis auf den Punkt fertig wird. Eigentlich liegt mir das mehr, als als so ganz ohne Druck vor mich hin zu schreiben. Doch bei diesem Buch war so wenig normal. Normalerweise schreibe ich mir erst einmal ein Konzept, mache eine Gliederung, lege die Kapitel fest und fange dann an zu schreiben. Das hat in diesem Fall jetzt nicht ganz so gut funktioniert. Einerseits hat es immer wieder aktuelle Ereignisse gegeben, auf die ich in irgendeiner Weise reagierten wollte. Zum anderen muss ich zugeben, dass ich auch das ein oder andere falsch eingeschätzt haben. Ein Beispiel: Im Blogeintrag „Bittere Erkenntnis“ habe ich mich mit dem Blickwinkel der Europäer auf Ägypten auseinandergesetzt und zwar jener Europäer, die das Land seit Jahrzehnten kennen, oder dort schon lange leben und arbeiten. Die bittere Erkenntnis war die Einsicht, die Dynamik der Entwicklungen in Ägypten übersehen, beziehungsweise falsch eingeschätzt zu haben. Aus den daraus resultierenden Gesprächen und Überlegungen ist nun ein völlig eigenständiges Kapitel geworden, das so gar nicht eingeplant war.

Die Arbeit an „Koulou Tamam“, die jetzt etwa zweieinhalb Monate andauert, war bislang eine Achterbahn der Gefühle – manchmal auch eine Geisterbahn. In Vorbereitung auf meine Reise nach Ägypten hatte ich mir nach vielen, vielen Jahren noch einmal die Autobiografie von Jahan Sadat „Ich bin eine Frau aus Ägypten“ herausgesucht. Dieses Buch zu lesen und mit der heutigen Situation zu vergleichen, jagt einem schon den ein oder anderen Schauer über den Rücken. Vor allem der Rückschritt in punkto Frauenrechten macht einen schon sehr betroffen.

Ich hoffe, dass die Achterbahn inzwischen die letzte Kurve genommen hat und ich das Buch bis nächste Woche ohne große Turbulenzen beenden kann. Eine Freundin fragte mich jüngst, wie sinnvoll es sei, ein Buch über die Ägyptische Revolution und den Tourismus gerade jetzt zu schreiben, es könne ja noch so viel passieren. Tja – mag sein. Wann wäre denn der richtige Zeitpunkt? In einem halben Jahr, in einem Jahr, in fünf Jahren oder in zehn? Niemand kann jetzt im Moment abschätzen, wie sich die Revolution auf Dauer entwickeln und wann sie beendet sein wird. Ich denke, dass man aber schon den Korridor erkennen kann, in dem sich drei Entwicklungen ausschließen lassen: 1. Ägypten wird nicht zu einem Regime mubarakscher Prägung zurückkehren, 2. Ägypten wird kein islamistischer Gottesstaat wie der Iran, 3. Ägypten wird aber auch nicht zu einer parlamentarischen Demokratie nach bundesdeutschem Vorbild – auch wenn sich gerade einige Deutsche genau das unter der Revolution vorstellen mögen.

Am 21. April soll „Koulou Tamam, Ägypten“ in die Buchläden kommen. Ob es bis dahin noch aktuell sein wird? Keine Angst, da bin ich ganz sicher. Was passiert ist, ist passiert, und dass sich die Mentalität der Ägypter schlagartig ändern wird, das glaube ich nun auch nicht. Außerdem wird in dem Buch nicht all zu sehr über die weitere Entwicklung spekuliert. Denn wie sagte Karl Valentin zurecht: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Der Schatten im Osten

Die Katastrophe von Port Said ist noch keine Woche her, da ist sie in Deutschland schon wieder vergessen. Hätte nicht ausgerechnet Mohamed Zidan, als Rückkehrer zu Mainz 05 am Wochenende das 1:0 für seine Mannschaft bei Schalke 04 geschossen, wäre die Tragödie hier zu Lande noch schneller untergegangen. Zidan hat ausgerechnet bei El Masry das Fußballspielen gelernt und das Tor den Opfern von Port Said gewidmet.

Tagesspiegel vom 5. Februar 2012

Dass das Aufbegehren in Kairo und anderen Städten gegen den Militärrat unvermindert weiter geht, erfährt nur, wer sich wirklich interessiert. Im Moment steht Syrien viel mehr im Blickpunkt, und das ist natürlich im deutschen Mainstream-Journalismus, wo das Body-Counting, also das Zählen von Leichen, keine unerhebliche Rolle spielt, viel ergiebiger. Zynisch könnte man ja sagen, dass das ja ein Glücksfall für Ägypten ist, denn dann kommen vielleicht doch wieder mehr Touristen ins Land. Das ist dann leider doch ein Irrtum. Der Schatten, der da im Osten auf die Region fällt, verdunkelt auch die Strände am Roten Meer. Manch einer sagt sich: „Wenn’s in Libyen einen Bürgerkrieg gab und jetzt in Syrien einen gibt, dann könnte es doch auch in Äygpten…“ Genau das ist der Fluch der undifferenzierten Berichterstattung. Ich habe mit einem Artikel im Tagesspiegel versucht, ein wenig für Aufklärung zu sorgen. Mein Gewährsmann ist dabei Mazen Okasha, Chef der Fremdenführergewerkschaft am Roten Meer. Der weiß nun wirklich, von was er spricht.

Also wäre ich jetzt Ägypter und müsste mir mein Geld im Tourismus am Roten Meer verdienen, ich glaube ich würde einfach mal überschnappen. Die inzwischen wichtigste Touristengruppe, nämlich – nein, nicht etwa die Deutschen sondern die Russen, kommt nicht mehr ins Land, weil die Regierung angeblich massiv Propaganda gegen Urlaub in Ägypten macht. Grund sind die ersten einigermaßen freien und fairen Wahlen seit Jahrzehnten. Das könnten russische Ägyptentouristen ja auf dumme Gedanken kommen, wenn sie wieder zu Hause sind.

Die zweitwichtigste Touristengruppe sind die Deutschen. Da findet die Regierung es jetzt ja ganz toll, dass es diese Revolution gibt und dass das alles bald viel demokratischer und freiheitlicher wird, als zuvor. Aber niemand käme natürlich auf den Gedanken, dass es im Sinne von Freiheitlichkeit und Demokratie gerade jetzt eine sehr gute Idee wäre, in das Land zu fliegen und dort Urlaub zu machen. Das höchte der Gefühle ist, dass für die Urlaubsgebiete am Roten Meer keine explizite Reisewarnung ausgesprochen wurde.

Ich habe auf Facebook gesehen, dass einige meiner ägyptischen Freunde derzeit immer wieder gefragt werden, ob es denn sicher sei, in das Land zu reisen. Ich will es mal so ausdrücken. In wenigen Wochen ist Karneval – auch in Rio. Der lockt, wie jedes Jahr, auch viele Tausende Touristen an den Zuckerhut. Gerne würde ich mir mal den Spaß machen, sie alle zu fragen, ob sie auf Grund der besseren Sicherheitslage nicht lieber zum Beispiel nach Hurghada fliegen wollten. Sind wir doch mal ganz ehrlich. Rio ist ein wahnsinnig gefährliches Pflaster und die Gefahr, als Tourist ausgeraubt oder ermordet zu werden liegt schätzungsweise um den Faktor 100 höher – wenn es reicht.

Ägypten hat derzeit sicherlich ganz viele und ganz große Probleme. Doch die Objekte der Furcht deutscher Touristen gehören eindeutig nicht dazu.

Wer soll es denn machen ?

Es ist schon erstaunlich, wer einen Tag nach der Katastrophe von Port Said seinen Posten räumen musste. Dass der Gouverneur der Provinz Port Said und sein Sicherheitschef abgesägt wurden, ist klar. Das aber gleich der ganze Vorstand des Fußballclubs von El Masry geschlossen aus dem Amt gejagt wurde, ist schon ein wenig kurios. Die Demonstranten fordern jetzt aber den Kopf des Innenministers Mohammed Ibrahim und am besten gleich den Rücktritt des gesamten Kabinetts Kamal el Gansuri. Ganz besonders kecke Demonstraten haben sogar schon nach der Todesstrafe für Feldmarschall Mohamed Tantawi verlangt. Die, die etwas besonnener sind, rufen zumindest nach Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft.

Der Militärrat hatte ja im Herbst schon Schwierigkeiten, überhaupt wieder einen Premierminister zu finden. Dass es dann Gansuri wurde, hatte die Protestbewegung im höchsten Maße empört. Gansuri war schon einmal unter Mubarak der Ministerpräsident. Dass Gansuri mit fast 80 Jahren keinen besonderen persönlichen Ehrgeiz entwickelt, ist eigentlich klar. Er wurde es, weil der Militärrat einfach keinen anderen fand. Unmittelbar vor den Parlamentswahlen wollten sich weder Moslembrüder noch die Liberalen an diesem Amt die Finger verbrennen.So ähnlich sieht es jetzt auch in Sachen Präsidentschaftswahlen aus. Da traut sich noch niemand, sich so richtig zu positionieren.

Gesetzt den Fall, der Militärrat würde nun tatsächlich geschlossen zurücktreten. Wer sollte es dann machen? Es wird ja gefordert, dass die Präsidentschaftswahlen vorgezogen werden sollen. Aber es scheint kein mehrheitsfähiger Kandidat in Sicht. Die Moslembrüder, die mit der Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“ über die größte Fraktion im Parlament verfügen, haben schon angekündigt, auf einen eigenen Kandiadaten verzichten zu wollen und statt dessen einen Konsenskandidaten über die Parteigrenzen hinweg finden zu wollen. Allerdings wollen sie in der Verfassungsgebenden Versammlung, in der sie wohl auch die Mehrheit erreichen werden, das präsidiale System durch ein parlamentarisches System ersetzen – damit hätten sie dann tatsächlich das Sagen. Aber diese Verfassung muss ja auch erst mal ausgearbeitet werden.

Derzeit gibt es, so sehr man das bedauern mag, gar keine vernünftige Alternative. Diejenigen, die sich als solche angeboten haben, wie zum Beispiel der frühere Chef der Atomaufsichtebehörde und Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradai, sind inzwischen völlig verbrannt. Die Argumentation, warum die Ägypter El Baradai nicht als Präsidenten sehen wollten, klang doch einigermaßen verblüffend: El Baradai habe zu lange im Ausland gelebt und dadurch den Bezug zum gemeinen Ägyptischen Volk verloren. Auslandserfahrung als Berufshindernis? Dabei sollten die Ägypter nur ein wenig in ihrer einen Geschichte graben. Zwei ihrer größten Führer waren Saladin im ausgehenden Mittelalter und Mohammed Ali Pascha im 19. Jahrhundert. Beide werden von den Ägyptern bis zum heutigen Tage hoch verehrt. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Diese beiden größten Söhne Ägyptens waren gar keine Ägypter. Saladin war Kurde und kam aus dem heutigen Irak. Mohammed Ali wurde als Sohn albanischer Eltern in Nordgriechenland geboren.

Vielleicht sollten sie es tatsächlich mal wieder mit einem von auswärts probieren. Ich hatte sie Idee schon vor drei Wochen in Ägypten mal vorsichtig anklingen lassen und meinte, dass wir demnächst vielleicht einen Präsideten mit Berufserfahrung billig abzugeben hätten. Die Antwort war niederschmetternd: „Danke, korrupt sein können wir auch selbst.“

Frauen und Rechte

Nach meiner Rückkehr wurde ich in zwei Diskussionen verwickelt, die mich beide Male ein wenig verstört haben. Bei der ersten dachte ich im ersten Moment an einen Witz. Eine liebe Freundin fragte mich: „Sind da jetzt die Taliban an der Macht?“ Sie meinte das tatsächlich ernst. Ich versuchte ihr zu erklären, dass die Moslembrüder die Wahlen gewonnen haben, dass die Salafisten überraschend die zweitstärkste Partei geworden seien, aber dass beide Gruppierungen nicht miteinander könnten und dass sich die Moslembrüder wohl liberale Koalitionspartner holen würden. Ihr Gesicht ließ gewisse Zweifel an meiner Erklärung ahnen, als hätte ich ihr versichert, dass in Zukunft im Petersdom der Playboy gratis ausliege.

Eine andere, mir ebenfalls liebe Freundin, stellte am gleichen Abend noch eine These auf, die in eine lautstarke Diskussion, ja Schreierei mündete. Die Fusselbärte (sie meinte damit wohl die Salafisten) würden Ägypten zu einem zweiten Iran machen und alle Frauen unter den Vollgesichtsschleier zwingen. Im übrigen werde sie niemals ihren Fuß in ein Land setzen, in dem eine Frau den ihren nicht in eine Bar setzen dürfe.

Was mich an diesen beiden Erlebnissen völlig verstört hat, war die Tatsache, dass ich plötzlich als Verteidger der Moslembrüder auftreten musste. Das hätte ich mir auch nie träumen lassen. Eher hätte ich noch die FDP leidenschaftlich verteidgt. Aber man kann eben nicht alles haben.

Tatsache ist, dass sich die Rechte der Frauen in Ägypten seit Beginn der Revolution nicht verbessert, sondern eher verschlechtert haben. Die Frauenquote im Parlement gibt es zum Beispiel nicht mehr. Deshalb sind nur sechs Frauen ins Parlament eingezogen. Es steht auch nicht zu erwarten, dass sich die Moslembrüder in absehbarer Zeit in einen Emanzenclub verwandeln. Im Gegenteil: Befürchtungen, dass in den nächsten Wochen und Monaten noch mehr Frauenrecht abgeknappert werden, sind nicht von der Hand zu weisen.

Dagegen steht, dass die Frauen sich inzwischen wehren. Vor einigen Tagen haben selbsternannte Sittenwächter der Salafisten versucht, ein Nagelstudio auseinander zu nehmen. Sie wurden von Kundinnen mit Zuckerrohrstauden verjagt. Diese kleine Episode mag zeigen, dass sich die Frauen nicht mehr alles gefallen lassen, zumal nicht die tapferen vom Tahrirplatz, die dort übrigens bis heute noch bei Demonstrationen ganz anderen Repressionen ausgesetzt sind als Männer.

Stürmische Zeiten in Ägypten

Natürlich kann einem Angst und Bange werden, wenn man um die Herkunft und die Geschichte der Moslembrüder weiß. 1928 in Islameija von Hasan al Bana gegründet, waren die Moslembrüder ursprünglich eine Widerstandgruppe gegen die Briten. Später haben sich alle islamistischen Freiheits- und Terrorgruppen die Moslembrüder als Vorbild genommen. Doch alles, aber auch wirklich alles deutet darauf hin, dass die „Brüder“ zumindest diesen Teil ihrer Vergangenheit überwunden haben. Ihr Frauenbild ist nicht das, das wir haben. Genausowenig wie ihre Vorstellung zum Thema Alkohol der unseren entspricht. Trotzdem werden sie den Alkohol in Ägypten nicht verbieten und wollen den Fremdenverkehr sogar fördern. Mir scheint, dass die derzeitige Führung der Moslembrüder und der zu ihr gehörenden Partei „Ḥizb al-ḥurriya wa al-’adala“ (Partei für Freiheit und Gerechtigkeit) eher von Pragmatismus als von Dogmatismus getragen wird.

Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin hatte 1946 als Kommandeur der Untergrundorganisation Irgun in Jerusalem das Hotel „King David“ in die Luft gesprengt. Das Attentat forderte mindestens 91 Tote. 1978 bekam Begin den Friedensnobelpreis zusammen mit Anwar al Sadat für den Friedensvertrag von Camp David. Das zeigt, dass gerade im Nahen Osten der Weg vom Terroristen zum Friedensnobelpreisträger nicht so weit sein muss.

Die Moslembrüder bleiben deshalb trotzdem gläubige Moslems und werden versuchen, ihre Politik nach ihrer konservativen Auslegung des Korans auszurichten. Aus westlicher Sicht mag das nichts Gutes für die Frauen bedeuten. Andererseits braucht das Land nun stabile Verhältnisse, sie müssen die Versorgung sichern, das Gesundheitswesen wieder aufbauen und das Bildungswesen komplett renovieren. Genau daran werden die Ägypter die Moslembrüder messen – ob es ihnen gelingt, das wirklich auf den Hund gekommene Land wieder einigermaßen nach vorne zu bekommen. Nachhaltigen Streit um Frauenrechte können sich die „Brüder“ derzeit gar nicht leisten.

Das Argument, dass Moslembrüder und Salafisten sich im Parlament zu einer Koalition von 70 Prozent Islamisten zusammenfinden, ist auch nicht so richtig stichhaltig. Zum einen haben das die „Brüder“ kategorisch ausgeschlossen, zum anderen würden sich die mächtigen Moslembrüder doch nicht mit den relativ kleinen Salafisten in einen Wettbewerb darüber einlassen, wer nun der bessere Moslem ist.

Fazit: Für Frauen wird es im neuen Ägypten zunächst nicht leichter, sondern eher schwerer werden. Aber Vorstellungen, dass sie komplett aus dem öffentlichen Leben oder hinter Vollgesichtsschleiern oder gar Burkas verschwinden, sind auch übertrieben.

Hauptsache geschrieben

Manchmal ist es ja wirklich zum aus der Haut fahren. Da gibt man sich noch immer der Illusion hin, dass Blätter wie „Der Spiegel“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ so etwas wie Qualitätsjournalismus vertreten. Erstaunlicherweise war in den Online-Ausgaben beider Blätter am Mittwoch – passend zum Jahrestag der Revolution – ein Beitrag zum Thema darbender Tourismus in Ägypten. Dass es sich um einen dpa-Bericht von Annette Reuther handelte – nun ja, geschenkt. Warum sollen Spiegel und SZ nicht auch mal eine Reportage bei der Agentur kaufen dürfen? Aber doch bitte nicht so etwas!

Auch in Luxor war im Januar von Hitze keine Spur

Da erklärt die Autorin den Januar zur Hochsaison, in der in Luxor „Touristenbusse Menschenmassen im Sekundentakt ausspucken.“ Aha. Schon wieder was gelernt. Ich war vielleicht fünf bis zehn mal im Januar in Ägypten. Selbst ohne Terror und Revolution ist die Zeit zwischen Mitte Januar und Ende Februar die touristenärmste. Doch die paar versprengten  Touristen, die laut Frau Reuther durch Luxors Ruinen irren, müssen auch noch leiden: „Auch am Tempel von Hatschepsut schleppen sich nur ein paar japanische Touristen in der Hitze die Treppen zu dem kolossalen Gebäude hoch.“ Soso, Hitze! In Ägypten klagen die Menschen derzeit über den kältesten Winter seit 20 Jahren. In Alexandria ist Schnee gefallen, auf dem Sinai ist das Katharinen-Kloster von Schnee bedeckt. In Luxor dürfte nachts einfach mal der Gefrierpunkt erreicht worden sein. In der Sonne wird’s dann wärmer. Ein wenig über 20 Grad. Oh, mein Gott, wenn das Hitze ist, was macht dann Frau Reuther im Juli im Tal der Könige, wenn es fast 50° C im Schatten hat – allerdings gibt es dort keinen Schatten. Das ist Hitze!!!

Sie scheint ja ziemlich gute Geschäfte gemacht zu haben, denn sie zitiert auch noch Händler, die ihre Waren nun zu Revolutionspreisen verramschen. Passt auch alles schön ins Klischee-Bild. In Hurghada haben mir mindestens zwei Taxifahrer ihre überhöhten Preise mit dem eklatanten Mangel an Touristen erklärt. Die kamen nicht einmal im Traum auf die Idee Revolutions-Sonderangebote zu machen, weil das Geschäft so mies läuft. Das Phänomen der steigenden Preise bei fallenden Touristenzahlen habe ich übrigens auch schon früher in Ägypten beobachtet. Sorry, Frau Reuther, aber bei den Revolutionsschnäppchen bin ich ebenso skeptisch wie bei der großen Hitze im Tal der Könige und dem Urlauber-Boom der normalerweise im Januar Luxor überrollt.

Doch dann kam der Satz, der mich so richtig sauer gemacht hat: „Der Sieg der Islamisten und Berichte, wonach in Ägypten eine Religionspolizei nach saudischem Vorbild und ein Bikini-Verbot eingeführt werden sollen, dürften die Reisenden weiter eher skeptisch stimmen.“ Da spricht nun die wahre Expertin. Also für alle zum Mitschreiben: Es wird in Ägypten weder ein Bikiniverbot, noch ein Alkoholverbot, noch getrennte Strände oder eine Religionspolizei geben. Das haben die Moslembrüder ganz klar ausgeschlossen, weil sie selbst wissen, wie dringend sie das Geld aus dem Tourismus brauchen. Selbst bei der salafistischen Partei „El Nour“ hat es noch keinen einzigen Politiker gegeben, der solche Forderungen aufgestellt hat. Sie kommen nur von Salafisten nahestehenden Sheiks oder Imamen. Einer von ihnen hat sogar gefordert, dass Frauen auf dem Markt keine Bananen und keine Gurken mehr kaufen dürfen. Mann, hat der eine schmutzige Fantasie. Aber er ist jetzt auch in ganz Ägypten eine Lachnummer.

Ob der detailgenauen Beschreibung sind zumindest Zweifel erlaubt, ob diese Frau im Januar tasächlich in Ägypten war. Wenn sie wirklich dort war, dann handelt es sich „nur“ um schlechten Journalismus. War sie nicht dort, wäre die Geschichte gefaket und der Presserat sollte sich damit auseinandersetzen. Das Land hat wirklich schon Probleme genug. Da braucht es nicht noch solche Artikel.

 

Wieder daheim

Irgendwie erwischt einen der Alltag dann doch ganz schnell wieder. Gestern Abend gelandet und heute schon wieder in einem (aufgeräumten????) Büro. Zugegeben, das aufgeräumt war für mich tatsächlich sehr ungewöhnlich. Warum lass ich auch alles stehen und liegen, wenn ich wegfliege.

Bye, bye Hurghada

Ägypten lässt mich hier natürlich auch nicht in Ruhe. Aber es ist schon krass, wie unterschiedlich die Dinge in Ägypten und in Deutschland gesehen werden. Da wird es zu einem ganz großen Thema, dass einige Islamisten beim Schwur auf die Verfassung der Eidesformel noch „wenn es der Scharia entspricht“ zufügten und vom Parlamentspräsidenten zurückgepfiffen wurden. Übrigens hat auch ein Sozialdemokrat, der nun wirklich nicht im Verdacht steht, islamistisch zu sein, der Eidesformeln noch einen Satz angehängt, in dem er die Märtyrer vom Tahrir beschwört.

Vor ein paar Tagen hörte ich noch in Ägypten, dass die Militärs nach der Wahl die Regierung nicht auswechseln wollen. Auch das hat zu einigen Irritationen geführt. Jetzt habe ich mir mal die ägyptische Verfassung – zugeben nur oberflächlich – angesehen. Siehe da, Ägypten hat noch immer eine präsidiale Verfassung – aber keinen Präsidenten. Eigentlich ist der Militärrat der Präsident. Nun ist es mitnichten so, dass in einem Präsidialstaat die Regierung vom Parlament gewählt wird. Zum Beispiel Frankreich. Da wählt die Nationalversammlung auch nicht die Regierung. Oder wie ist es in den USA? Bestimmt da der Kongress, wer Minister wird? Man kann den Militärs in Ägypten ja vieles vorwerfen, aber dass sie nach den Wahlen die Regierung nicht austauschen, ist einfach mal verfassungskonform.

Allerdings ist das wichtigste Recht des Parlaments das Etatrecht, es wird als das Königsrecht des Parlaments bezeichnet. Doch genau da beschneiden die Militärs das Recht der Legislative, nämlich dann, wenn es um den Haushalt den Armee geht, in dem viele ausländische Milliarden stecken. Genau das könnte aber zur Nagelprobe für Ägypten auf dem Weg zur Demokratie werden. Gelingt es dem neugewählten Parlament, sein Königsrecht in ganzem Umfang durchzusetzen, dann wird das mit der Demokratie im Laufe der Zeit schon klappen. Gelingt es nicht, dann wird es kaum möglich sein, die Mubarak-Strukturen zu beseitigen. Denn wenn die bleiben, werden sie den Weg zur Demokratie verstellen, soviel dürfte wohl sicher sein.

Zum Schluss doch noch etwas Persönliches: Ich war heute mit Robert auf der Urbanstraße unterwegs und da fiel es mir prötzlich auf. Diese himmlische Ruhe im Auto. „Soll ich das Radio anmachen?“ fragte er irritiert. „Nein“, meinte ich, „Keiner hupt und alle fahren sie in Reih und Glied.“ Drei Wochen können manchmal schon eine lange Zeit sein…