Frauen und Rechte

Nach meiner Rückkehr wurde ich in zwei Diskussionen verwickelt, die mich beide Male ein wenig verstört haben. Bei der ersten dachte ich im ersten Moment an einen Witz. Eine liebe Freundin fragte mich: „Sind da jetzt die Taliban an der Macht?“ Sie meinte das tatsächlich ernst. Ich versuchte ihr zu erklären, dass die Moslembrüder die Wahlen gewonnen haben, dass die Salafisten überraschend die zweitstärkste Partei geworden seien, aber dass beide Gruppierungen nicht miteinander könnten und dass sich die Moslembrüder wohl liberale Koalitionspartner holen würden. Ihr Gesicht ließ gewisse Zweifel an meiner Erklärung ahnen, als hätte ich ihr versichert, dass in Zukunft im Petersdom der Playboy gratis ausliege.

Eine andere, mir ebenfalls liebe Freundin, stellte am gleichen Abend noch eine These auf, die in eine lautstarke Diskussion, ja Schreierei mündete. Die Fusselbärte (sie meinte damit wohl die Salafisten) würden Ägypten zu einem zweiten Iran machen und alle Frauen unter den Vollgesichtsschleier zwingen. Im übrigen werde sie niemals ihren Fuß in ein Land setzen, in dem eine Frau den ihren nicht in eine Bar setzen dürfe.

Was mich an diesen beiden Erlebnissen völlig verstört hat, war die Tatsache, dass ich plötzlich als Verteidger der Moslembrüder auftreten musste. Das hätte ich mir auch nie träumen lassen. Eher hätte ich noch die FDP leidenschaftlich verteidgt. Aber man kann eben nicht alles haben.

Tatsache ist, dass sich die Rechte der Frauen in Ägypten seit Beginn der Revolution nicht verbessert, sondern eher verschlechtert haben. Die Frauenquote im Parlement gibt es zum Beispiel nicht mehr. Deshalb sind nur sechs Frauen ins Parlament eingezogen. Es steht auch nicht zu erwarten, dass sich die Moslembrüder in absehbarer Zeit in einen Emanzenclub verwandeln. Im Gegenteil: Befürchtungen, dass in den nächsten Wochen und Monaten noch mehr Frauenrecht abgeknappert werden, sind nicht von der Hand zu weisen.

Dagegen steht, dass die Frauen sich inzwischen wehren. Vor einigen Tagen haben selbsternannte Sittenwächter der Salafisten versucht, ein Nagelstudio auseinander zu nehmen. Sie wurden von Kundinnen mit Zuckerrohrstauden verjagt. Diese kleine Episode mag zeigen, dass sich die Frauen nicht mehr alles gefallen lassen, zumal nicht die tapferen vom Tahrirplatz, die dort übrigens bis heute noch bei Demonstrationen ganz anderen Repressionen ausgesetzt sind als Männer.

Stürmische Zeiten in Ägypten

Natürlich kann einem Angst und Bange werden, wenn man um die Herkunft und die Geschichte der Moslembrüder weiß. 1928 in Islameija von Hasan al Bana gegründet, waren die Moslembrüder ursprünglich eine Widerstandgruppe gegen die Briten. Später haben sich alle islamistischen Freiheits- und Terrorgruppen die Moslembrüder als Vorbild genommen. Doch alles, aber auch wirklich alles deutet darauf hin, dass die „Brüder“ zumindest diesen Teil ihrer Vergangenheit überwunden haben. Ihr Frauenbild ist nicht das, das wir haben. Genausowenig wie ihre Vorstellung zum Thema Alkohol der unseren entspricht. Trotzdem werden sie den Alkohol in Ägypten nicht verbieten und wollen den Fremdenverkehr sogar fördern. Mir scheint, dass die derzeitige Führung der Moslembrüder und der zu ihr gehörenden Partei „Ḥizb al-ḥurriya wa al-’adala“ (Partei für Freiheit und Gerechtigkeit) eher von Pragmatismus als von Dogmatismus getragen wird.

Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin hatte 1946 als Kommandeur der Untergrundorganisation Irgun in Jerusalem das Hotel „King David“ in die Luft gesprengt. Das Attentat forderte mindestens 91 Tote. 1978 bekam Begin den Friedensnobelpreis zusammen mit Anwar al Sadat für den Friedensvertrag von Camp David. Das zeigt, dass gerade im Nahen Osten der Weg vom Terroristen zum Friedensnobelpreisträger nicht so weit sein muss.

Die Moslembrüder bleiben deshalb trotzdem gläubige Moslems und werden versuchen, ihre Politik nach ihrer konservativen Auslegung des Korans auszurichten. Aus westlicher Sicht mag das nichts Gutes für die Frauen bedeuten. Andererseits braucht das Land nun stabile Verhältnisse, sie müssen die Versorgung sichern, das Gesundheitswesen wieder aufbauen und das Bildungswesen komplett renovieren. Genau daran werden die Ägypter die Moslembrüder messen – ob es ihnen gelingt, das wirklich auf den Hund gekommene Land wieder einigermaßen nach vorne zu bekommen. Nachhaltigen Streit um Frauenrechte können sich die „Brüder“ derzeit gar nicht leisten.

Das Argument, dass Moslembrüder und Salafisten sich im Parlament zu einer Koalition von 70 Prozent Islamisten zusammenfinden, ist auch nicht so richtig stichhaltig. Zum einen haben das die „Brüder“ kategorisch ausgeschlossen, zum anderen würden sich die mächtigen Moslembrüder doch nicht mit den relativ kleinen Salafisten in einen Wettbewerb darüber einlassen, wer nun der bessere Moslem ist.

Fazit: Für Frauen wird es im neuen Ägypten zunächst nicht leichter, sondern eher schwerer werden. Aber Vorstellungen, dass sie komplett aus dem öffentlichen Leben oder hinter Vollgesichtsschleiern oder gar Burkas verschwinden, sind auch übertrieben.

Hauptsache geschrieben

Manchmal ist es ja wirklich zum aus der Haut fahren. Da gibt man sich noch immer der Illusion hin, dass Blätter wie „Der Spiegel“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ so etwas wie Qualitätsjournalismus vertreten. Erstaunlicherweise war in den Online-Ausgaben beider Blätter am Mittwoch – passend zum Jahrestag der Revolution – ein Beitrag zum Thema darbender Tourismus in Ägypten. Dass es sich um einen dpa-Bericht von Annette Reuther handelte – nun ja, geschenkt. Warum sollen Spiegel und SZ nicht auch mal eine Reportage bei der Agentur kaufen dürfen? Aber doch bitte nicht so etwas!

Auch in Luxor war im Januar von Hitze keine Spur

Da erklärt die Autorin den Januar zur Hochsaison, in der in Luxor „Touristenbusse Menschenmassen im Sekundentakt ausspucken.“ Aha. Schon wieder was gelernt. Ich war vielleicht fünf bis zehn mal im Januar in Ägypten. Selbst ohne Terror und Revolution ist die Zeit zwischen Mitte Januar und Ende Februar die touristenärmste. Doch die paar versprengten  Touristen, die laut Frau Reuther durch Luxors Ruinen irren, müssen auch noch leiden: „Auch am Tempel von Hatschepsut schleppen sich nur ein paar japanische Touristen in der Hitze die Treppen zu dem kolossalen Gebäude hoch.“ Soso, Hitze! In Ägypten klagen die Menschen derzeit über den kältesten Winter seit 20 Jahren. In Alexandria ist Schnee gefallen, auf dem Sinai ist das Katharinen-Kloster von Schnee bedeckt. In Luxor dürfte nachts einfach mal der Gefrierpunkt erreicht worden sein. In der Sonne wird’s dann wärmer. Ein wenig über 20 Grad. Oh, mein Gott, wenn das Hitze ist, was macht dann Frau Reuther im Juli im Tal der Könige, wenn es fast 50° C im Schatten hat – allerdings gibt es dort keinen Schatten. Das ist Hitze!!!

Sie scheint ja ziemlich gute Geschäfte gemacht zu haben, denn sie zitiert auch noch Händler, die ihre Waren nun zu Revolutionspreisen verramschen. Passt auch alles schön ins Klischee-Bild. In Hurghada haben mir mindestens zwei Taxifahrer ihre überhöhten Preise mit dem eklatanten Mangel an Touristen erklärt. Die kamen nicht einmal im Traum auf die Idee Revolutions-Sonderangebote zu machen, weil das Geschäft so mies läuft. Das Phänomen der steigenden Preise bei fallenden Touristenzahlen habe ich übrigens auch schon früher in Ägypten beobachtet. Sorry, Frau Reuther, aber bei den Revolutionsschnäppchen bin ich ebenso skeptisch wie bei der großen Hitze im Tal der Könige und dem Urlauber-Boom der normalerweise im Januar Luxor überrollt.

Doch dann kam der Satz, der mich so richtig sauer gemacht hat: „Der Sieg der Islamisten und Berichte, wonach in Ägypten eine Religionspolizei nach saudischem Vorbild und ein Bikini-Verbot eingeführt werden sollen, dürften die Reisenden weiter eher skeptisch stimmen.“ Da spricht nun die wahre Expertin. Also für alle zum Mitschreiben: Es wird in Ägypten weder ein Bikiniverbot, noch ein Alkoholverbot, noch getrennte Strände oder eine Religionspolizei geben. Das haben die Moslembrüder ganz klar ausgeschlossen, weil sie selbst wissen, wie dringend sie das Geld aus dem Tourismus brauchen. Selbst bei der salafistischen Partei „El Nour“ hat es noch keinen einzigen Politiker gegeben, der solche Forderungen aufgestellt hat. Sie kommen nur von Salafisten nahestehenden Sheiks oder Imamen. Einer von ihnen hat sogar gefordert, dass Frauen auf dem Markt keine Bananen und keine Gurken mehr kaufen dürfen. Mann, hat der eine schmutzige Fantasie. Aber er ist jetzt auch in ganz Ägypten eine Lachnummer.

Ob der detailgenauen Beschreibung sind zumindest Zweifel erlaubt, ob diese Frau im Januar tasächlich in Ägypten war. Wenn sie wirklich dort war, dann handelt es sich „nur“ um schlechten Journalismus. War sie nicht dort, wäre die Geschichte gefaket und der Presserat sollte sich damit auseinandersetzen. Das Land hat wirklich schon Probleme genug. Da braucht es nicht noch solche Artikel.

 

Wieder daheim

Irgendwie erwischt einen der Alltag dann doch ganz schnell wieder. Gestern Abend gelandet und heute schon wieder in einem (aufgeräumten????) Büro. Zugegeben, das aufgeräumt war für mich tatsächlich sehr ungewöhnlich. Warum lass ich auch alles stehen und liegen, wenn ich wegfliege.

Bye, bye Hurghada

Ägypten lässt mich hier natürlich auch nicht in Ruhe. Aber es ist schon krass, wie unterschiedlich die Dinge in Ägypten und in Deutschland gesehen werden. Da wird es zu einem ganz großen Thema, dass einige Islamisten beim Schwur auf die Verfassung der Eidesformel noch „wenn es der Scharia entspricht“ zufügten und vom Parlamentspräsidenten zurückgepfiffen wurden. Übrigens hat auch ein Sozialdemokrat, der nun wirklich nicht im Verdacht steht, islamistisch zu sein, der Eidesformeln noch einen Satz angehängt, in dem er die Märtyrer vom Tahrir beschwört.

Vor ein paar Tagen hörte ich noch in Ägypten, dass die Militärs nach der Wahl die Regierung nicht auswechseln wollen. Auch das hat zu einigen Irritationen geführt. Jetzt habe ich mir mal die ägyptische Verfassung – zugeben nur oberflächlich – angesehen. Siehe da, Ägypten hat noch immer eine präsidiale Verfassung – aber keinen Präsidenten. Eigentlich ist der Militärrat der Präsident. Nun ist es mitnichten so, dass in einem Präsidialstaat die Regierung vom Parlament gewählt wird. Zum Beispiel Frankreich. Da wählt die Nationalversammlung auch nicht die Regierung. Oder wie ist es in den USA? Bestimmt da der Kongress, wer Minister wird? Man kann den Militärs in Ägypten ja vieles vorwerfen, aber dass sie nach den Wahlen die Regierung nicht austauschen, ist einfach mal verfassungskonform.

Allerdings ist das wichtigste Recht des Parlaments das Etatrecht, es wird als das Königsrecht des Parlaments bezeichnet. Doch genau da beschneiden die Militärs das Recht der Legislative, nämlich dann, wenn es um den Haushalt den Armee geht, in dem viele ausländische Milliarden stecken. Genau das könnte aber zur Nagelprobe für Ägypten auf dem Weg zur Demokratie werden. Gelingt es dem neugewählten Parlament, sein Königsrecht in ganzem Umfang durchzusetzen, dann wird das mit der Demokratie im Laufe der Zeit schon klappen. Gelingt es nicht, dann wird es kaum möglich sein, die Mubarak-Strukturen zu beseitigen. Denn wenn die bleiben, werden sie den Weg zur Demokratie verstellen, soviel dürfte wohl sicher sein.

Zum Schluss doch noch etwas Persönliches: Ich war heute mit Robert auf der Urbanstraße unterwegs und da fiel es mir prötzlich auf. Diese himmlische Ruhe im Auto. „Soll ich das Radio anmachen?“ fragte er irritiert. „Nein“, meinte ich, „Keiner hupt und alle fahren sie in Reih und Glied.“ Drei Wochen können manchmal schon eine lange Zeit sein…

Pressekonferenz im Orient

Nun habe ich ja schon die ein oder andere Pressekonferenz in meinem Leben besucht. Aber die heute morgen war schon etwas Außergewöhnliches. Geladen hatte der Verband der Reiseveranstalter Red Sea und – man höre und staune – die Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“. Eigentlich ist die Partei hier im Land und in Europa besser bekannt unter „Moslembrüder“.

Es stimmt schon. Hier handelt es sich im eine islamistische Partei. Die Frage ist jedoch, wie gemäßigt sie inzwischen ist. Aber das soll an dieser Stelle nicht das große Thema sein. Dass sich die Moslembrüder mit dem Touristenverband zu einer Pressekonferenz im Steigenberger Hotel treffen, ist schon mal bemerkenswert genug. Bislang war ich ja bei solchen Terminen ein paar Häppchen und ein wenig Getränke gewohnt. Wenn es etwas Größeres war, gab’s dann schon mal ein paar „Giveaways“ der besonderen Art. In Rottweil war die Jahrespressekonferenz im Milchwerk immer besonders beliebt, weil es da für die Pressevertreter Fruchtjoghurt in rauhen Mengen zum Mitnehmen gab.

Im Steigenberger gab es keinen Fruchtjogurt, dafür im Vorraum so ziemlich alle Köstlichkeiten des Orients, inklusiver zweier Schokoladenbrunnen. Aus dem einen sprudelte weiße, aus dem anderen braune Schokolade. Es war also kein Wunder, dass sich der Beginn der Veranstltung gleich um eine halbe Stunde verzögerte, aber das lag auch daran, dass sich der Gouverneur verspätete, was durchaus üblich und eingepreist ist.

Mazen und Abir - vielen Dank für Eure Hilfe.

Die erste Reihe des großen Saales war für die höhere Geistlichkeit und die lokale Politprominenz reserviert. Alle hatten sie kleine Tischchen mit Erfrischungen vor sich. Auch in der zweiten Reihe gab es Erfrischungstischchen. Sie war für hochrangige Militärs reserviert. Die folgenden Reihen hatten keine Tischchen. Dort saßen Freunde und Angehörige aus Reihe 1 und 2. Etwa in Reihe fünf hatten dann die ersten ägyptischen Journalisten Platz genommen. Danach, mit gebührendem

Abstand, kam der nächste Block mit mehreren Sitzreihen, in denen ausländische, vorwiegend russische Kollegen Platz nahmen. Die Pressekonferenz fand im Rahmen der ägyptisch-russischen Kulturwoche statt. Es gab auch eine Simultan-Übersetzungsanlage – leider nur arabisch-russisch, was mich jetzt nicht unbedingt weiter gebracht hätte. Doch mit Abir hatte ich eine wunderbare und hochkompetente Dolmetscherin an meiner Seite. So konnte ich den wesentlichen Punkten der Veranstaltung gut folgen.

Die wichtigste Erkenntnis: Die Muslimbrüder wollen den bislang vorherrschenden Tourismus nicht nur unangetastet lassen. Sie wollen den Tourismus vielmehr durch neue Produkte (übrigens explizit auch im Bereich Sport!!) weiterentwicklen und planen bis zum Jahr 2016 die Touristenzahlen auf 20 bis 25 Millionen zu steigern. Angesichts von 10 Millionen Urlaubern vor der Revolution scheint mir das ein sehr ehrgeiziges Ziel.

Der Vertreter der ägyptischen Sozialdemokraten forderte, im Tourismus mehr Augenmerk auf die Ökologie zu legen und die Arbeitsbedingungen der im Tourismus beschäftigten nicht außer acht zu lassen. Beonders bemerkenswert aber fand ich die Rede eines Sheiks der Al-Ahsar Universität in Kairo, der mit einem Koranzitat verdeutlichte, dass das Reisen durchaus ein gottgefälliges Werk und der Tourismus daher zu fördern sei.

Alles in allem dauerte die ganze Veranstaltung drei Stunden. Ich habe mir danach ausgemalt, wie Kollegen in Deutschland reagieren würden, wenn sie drei Stunden bei einer Pressekonferenz absitzen müssten. Es war eine sehr amüsante Vorstellung.

Für mich war es eine tolle Erfahrung, und gebracht hat es auch einiges. Nach drei Wochen fruchtbarer und intensiver Arbeit bildete diese PK einen sehr gelungenen Abschluss. Ich bin Mazen Okasha sehr dankbar, dass er mir den Besuch dieser Veranstaltung ermöglicht hat.

Inzwischen sind meine Bordkarten ausgedruckt. Der Flieger nach Deutschland geht morgen Nachmittag um 15.30 Uhr. Doch in Deutschland wartet noch viel Arbeit auf mich.

Das wird natürlich noch nicht das Ende des Blogs „Koulou tamam, Ägypten?“ sein. Ich werde auch weiter über die Entstehung des Buches und vor allem über die Entwicklungen in Ägypten berichten. Spannende Tage liegen vor uns. Am 25. Januar jährt sich der Ausbruch der Revolution zum ersten Mal. Über dem ganzen Land liegt eine gespannte Erwartung. Auch das Urteil über Hosni Mubarak steht noch aus. Wenn es gesprochen ist, wird es sicher auch Reaktionen auf der Straße geben. In diesem Zusammenhang übrigens ein Wort an alle Gegner der Todesstrafe (zu denen ich mich selbstverständlich auch zähle): Es ist zwar nicht ausgemacht, dass Mubarak zum Tode verurteilt wird (der Staatsanwalt hat das gefordert). Allerdings gilt es als ziemlich ausgeschlossen, dass er im Falle eines solchen Spruchs auch hingerichtet wird, denn das gibt die Gesetzeslage gar nicht her. Die sagt nämlich, dass ein über 80jähriger gar nicht hingerichtet werden darf. Ich schätze mal, dass die Ägypter damit weiter sind, als zum Beispiel der US-Bundestaat Texas.

Parallelen

Housam ist Chefkoch bei Thomas und Barbara. Er stammt aus Oberägypten und hat vor fast 20 Jahren in der damaligen „Villa Kunterbunt“ als Putzkraft begonnen. Thomas meinte schon kurz nach meiner Ankunft, dass Housam einer meiner wichtigsten Gesprächspartner werden könnte. Er ist ein sehr gläubiger Moslem, ohne fanatisch zu sein, verleugnet seine Herkunft vom Land nicht und kann die Vorstellungen seiner Landsleute aus dem Niltal sehr genau wieder geben.

Chefkoch Housam

Der eigentliche Interviewtermin war noch gar nicht geplant, da traf ich ihn gestern morgen am Hintereingang des Restaurants. Weil der Schlüssel noch fehlte, kamen weder er noch seine Küchenbrigade an den Herd. Und so haben wir uns eine halbe Stunde lang über Gott und die Welt, Mubarak und die Revolution, über Bildung und Wohlstand – und natürlich über Ägyptens Zukunft unterhalten.

Zum Thema Demokratie meint er: „Das ist doch wie mit einem kleinen Kind, das laufen lernt. Natürlich fällt es ein paar Mal hin, ehe es laufen kann. So ist das bei uns mit der Demokratie auch. Na und?“ Da muss ein westlicher, demokratiegestählter Besserwisser dann schon einmal kurz schlucken. Wo der Mann Recht hat, hat er Recht.

Dann aber ein echter Schock. Es geht um Mubarak. Die letzten zehn Jahre seien schon schlimm, die 20 Jahre zuvor ganz okay gewesen. Große Begeisterung für den „Pharao“ klingt anders. Ich werfe ein, dass Ägypten im gleichen Zeitraum zuvor fünf Kriege erlebt hatte – und unter Mubarak habe es keinen mehr gegeben. Housam zuckt mit den Schultern. „Na und? Heute geht es uns schlechter, als zuvor. Mubarak hat den Frieden doch verschleudert.“ So, ist das also die Meinung der einfachen Leute vom Land?

Nachmittags habe ich ein Gespräch mit Mazen. Er hat Germanistik studiert, ist Buchhändler, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei am Roten Meer, Gewerkschaftschef der Fremdenführer. Er konnte Mubarak schon als Kind nicht leiden. „Der kann ja nicht einmal richtiges und sauberes Arabisch sprechen“, meint Mazen fast angewidert. Aber immerhin habe er dem Land doch 30 Jahre Frieden gebracht, versuche ich es an diesem Tag schon zum zweiten Mal. „Na und?“ fragt Mazen verwundert. „Unser Bildungssystem, unser Gesundheitswesen, alles ist verrottet. Uns geht es schlechter als vor 30 Jahren. Wo stand damals Malaysia zum Beispiel im Vergleich zu Ägypten? Und wo steht Malaysia heute, und wo stehen wir?“

Ich erfahre an diesem Nachmittag noch einige erstaunliche Parallelen zwischen dem einfachen Koch und dem intellektuellen Buchhändler. Beide beklagen zum Beispiel, dass Ägypten international nicht mehr diesen Rang einnimmt, der ihm zukommt. „Ägypten war doch einmal das Herz der Welt“ – beide drücken sich fast wortgleich aus. Es ist erstaunlich. Housam stand während der Revolution hinter seinen Töpfen und kochte für die wenigen Touristen, zur gleichen Zeit erlebte Mazen die berüchtigte Kamelschlacht auf dem Tahrir und wurde in einem Steinhagel der Mubarakanhänger schwer verletzt. Trotzdem wählen sie fast die selben Worte.

Es sind aber auch Worte voller Hoffnung, die nicht unbedingt zu dem passen, was manche hier lebenden Europäer befürchten. Housam und Mazen schauen beide sehr gelassen und optimistisch in die Zukunft. Und wenn die Moslembrüder nun an die Macht kommen – nun denn. Dann müssen sie sich eben beweisen. Und wenn sie es nicht können? „Dann verjagen wir sie eben wieder“, meint Housam, grinst, schlägt mir auf die Schulter und meint: „Don’t worry!“

Auf hoher See…

Eigentlich ist es schon ein seltsames Phänomen. In kaum einem Land ist der Tourismus älter als in Ägypten. Immerhin hat schon Herodot auf die Pyramiden als Sehenswürdigkeit hingewiesen. Aber der Massentourismus, der nun so viel Geld ins Land bringt, dass ganz Ägypten am Tropf des Fremdenverkehrs hängt, ist gerade mal etwa 25 Jahre alt. Und dass es überhaupt dazu kam, hat Ägypten einer ganz bestimmten Klientel zu verdanken. Die ersten, die mit Kamelen, Jeeps und Unimogs ans Rote Meer pilgerten, waren Taucher. Für die wurden erst Zeltplätze, dann ein paar Baracken und schließlich kleine Hotels errichtet. Kaum standen die Hotels, brachten die ersten Taucher ihre Familien mit. Die nichttauchenden Familienmitglieder fanden die unberührten Strände ganz toll – und so nach und nach kamen die ersten Urlauber, die nur der Strände wegen kamen. Und so wuchsen, ja wucherten die Hotels am Roten Meer.

Inzwischen machen in normalen Zeiten die Taucher in Hurghada nur noch etwas mehr als zehn Prozent der Touristen aus. Aktuell sind es aber über 30 Prozent. Und so war es auch in der Vergangenheit. Ich kam 1991 drei Monate nach dem Golfkrieg zum ersten Mal nach Hurghada. Strandtouristen gab es praktisch keine, aber die Tauchboote waren voll. Tatsächlich haben sich Taucher in all den Jahren nie von irgendwelchen Krisen und Katastrophen abhalten lassen. Natürlich gehen auch die Taucherzahlen in diesen Zeiten zurück. Sie brechen aber nie so dramatisch ein, wie die der „normalen“ Urlauber. Sie sind strukturell die wichtigste Urlaubergruppe geblieben und sie haben den Fremdenverkehr immer wieder über manche Krisenzeiten gerettet.

Klein Giftun (rechts)

Ich war heute zwischen den Giftuninseln tauchen. Nun gehört Sha’ab Dorfa nicht gerade zu meinen Lieblingsplätzen. Aber zwei große Napoleons und zwei üppige Schildkröten machen auch solch einen Platz zu einem schönen Erlebnis, über das dann an Bord lang und ausdauernd geredet wird. Die Revolution war weit, weit weg – wie eigentlich immer an Bord. Da geht es eigentlich nie um Politik, sondern nur ums Tauchen. Das Boot und das Meer bieten eine gewisse Sicherheit vor all den Unbilden an Land. Selbst die ägyptische Besatzung verändert sich komplett. Vor dem Ablegen wurde ich noch Zeuge einer hitzigen politischen Diskussion zwischen unserem Kompressorchef Mustafa und dem Kaptain unseres Bootes. Das einzige, was ich verstand, war immer wieder der Name Mubarak. Kaum hatte das Boot abgelegt, wurde die Stimmung viel entspannter und lustiger. Umgekehrt funktioniert es allerdings auch. Kaum sind alle wieder wohlbehalten an Land, drehen sich die Diskussionen beim Dekobier um Politik, Revolution und die Auswirkungen auf den Tourismus.

Andreas war heute noch besonders empört, über das, was ihm vor einem Jahr passierte, als er zum Tauchen nach Hurghada fliegen wollte. „Vier Tage vor Abflug ruft das Reisebüro an und erklärt mir, dass meine Reise storniert worden sei…“ Es hätte ihn dann kurzerhand auf ein anderes Ziel umgebucht. „Ich musste dann nach Teneriffa“, erzählte er angewidert. Das Mitgefühl aller anderer Taucher war ihm sicher.

Die Freiheit der Meinung

30 Jahre lang war das mit der Meinungsfreiheit so eine Sache. Nun nutzen die Ägypter diese Freiheit bei jeder sich bietenden Gelegenheit – und dehnen den Begriff dabei bisweilen in einer Art und Weise aus, die den freiheitsliebenden Europäer dann doch etwas verblüfft. Manchmal kann der Anlass ein scheinbar nichtiger sein. Gestern morgen lag in Hurghada ein unschuldiger Gullideckel auf der Straße herum und nicht da, wo er liegen sollte. Früher wäre ein daraus resultierender Achsbruch mit Schulterzucken als der unergründliche Wille Allahs abgetan worden. Doch das Schicksal wollte es, dass sich an diesem Morgen ein Taxi, das sich in diesem Schlagloch verfing, mehrfach überschlug und auf dem Kopf liegen blieb.

Was ein Gullydeckel so anrichten kann.... Foto: Hadad Khairy

Doch Allah ist mit den Seinen und der Fahrer blieb unverletzt. Es blieb allerdings die Frage, wie der Gullideckel dahin kam, wo er lag. Die Antwort lag auf der Hand: Es handelte sich um eine Schlamperei der Straßenbaubehörden. Und wer ist verantwortlich für Behörden? Der Gouverneur! Es kam zu einer großen Demonstration, die den Verkehr auf der Hauptverkehrsstraße komplett lahm legte. Die erste Forderung der Demonstranten: Der Gouverneur muss her, er soll sich die Sauerei ansehen und für Abhilfe sorgen. Außerdem sollte er umgehend ein Ersatzfahrzeug für den verunglückten Fahrer stellen, dessen Fahrzeug nur noch Schrottwert hatte. Der Gouverneur zeigte sich zwar nicht, aber natürlich wurden sowohl Abhilfe bei den maroden Straßenverhältnissen, als auch Kompensation für den Fahrer versprochen. Ob’s dazu kommt? Inshallah.

Im Sinai hat sich die freie Meinungsäußerung auf ganz andere Weise Bahn gebrochen. Dort sind acht deutsche Touristen festgesetzt (andere sagen: entführt) worden. Die Forderung der Festsetzer (oder Entführer): Die Wahlen im Südsinai müssen wegen Wahlfälschung wiederholt werden. Der dortige Gouverneur gab den Forderungen sofort nach. In Hurghada werden jetzt schon Überlegungen angestellt, ob dieses Beispiel wohl Schule machen könnte.

Es ist schon seltsam, über die Freiheit der Meinung in Ägypten zu schreiben, wenn im Hintergrund gerade Udo Jürgens „Ich war noch niemals in New York“ singt und „… ich war noch niemals richtig frei“. Das hat schon etwas Bizarres.

Bizarr ist allerdings auch, wenn ich mir heute anhören darf: „Was regt ihr euch über Ägypten auf. Haben wir einen Wulff? Werden bei uns Staatsanwälte im Gerichtssaal erschossen?“ Tja, es kommt eben alles auf den Blickwinkel an.

Die Wüste lebt

Kleiner Kulturschock im Nirgendwo: Ein riesiges Einkaufszentrum mitten in der Wüste

So kann sich der Mensch irren. Ich dachte tatsächlich, dass mich – zumindest hier in Hurghada – nichts mehr schocken kann. Doch dann rief mich Barbara kurz nach zwölf an und meinte, sich solle mit ins Senzo-Center fahren. Wir fuhren los und fuhren und fuhren – in Richtung Süden. Gefühlt auf dem halben Weg nach Safaga standen wir plötzlich vor einem riesigen Einkaufscenter (Grundfläche schätzungsweise 30.000 qm) – mitten in der Wüste. Nach erfolgreichem Einkauf kamen wir dann so ein wenig ins Grübeln. Das amerikanische Schnellrestaurant mit dem großen gelben M war der Anlass. Im Januar 1995 hatte ich einen Interviewtermin in Kairo. Ich flog morgens hin und nachmittags zurück. Mein Basisleiter schärfte mir ein, dringend zwei, drei oder vier Hamburger von McDonalds mitzubringen. Auf dem Rückweg hatte ich eine Tüte auf dem Schoß, die mir bis zur Stirn reichte, sie war voll mit allen möglichen Produkten von MacD. Ich dürfte einen reichlich albernen Anblick geboten haben. Meinem Basisleiter Peter D. trieb es jedenfalls die Tränen in die Augen, als er die Tüte sah. Das ganze Zeug kam in die Mikrowelle und wir haben gespachtelt, bis keiner von uns mehr „papp“ sagen konnte. Dann klopfte es an der Tür. Kollege Joe kam vom Heimturlaub aus dem Allgäu zurück und hatte offenbar die elterliche Metzgerei ausgeplündert. Jedenfalls lud er uns zum Schlachtplatte essen ein. Im gleichen Jahr machte der erste McDonalds in Hurghada auf.

McDonalds ist für die meisten Ägypter unerschwinglich. In den zahlreichen Shops in der Senzo-Mall können auch die wenigsten Ägypter einkaufen, denn die supertollen westlichen Marken sind hier sogar noch teurer als in Europa.

Vor zwanzig Jahren war der Flughafen in Hurghada eine Luftwaffenbasis, die mehr oder weniger unzureichend für die paar Charterflugzeuge zurechtgezimmert worden war, die da innerhalb von einer Woche landeten. Inzwischen soll der Airport der drittverkehrsreichste Afrikas sein (nach Kairo und Nairobi), was ich persönlich allerdings kaum glauben kann. Im Moment ist er es sicher nicht. Als ich vor einer Woche ankam, standen gerade sechs Maschinen da. Früher wäre der Flughafen völlig überfüllt gewesen. Heute wirkt er damit fast wie ausgestorben. Trotzdem wird gerade unter Hochdruck an einer enormen Erweiterung gearbeitet. Die wird auch dringend notwendig sein, wenn sich hier alles wieder normalisiert.

Mit der Erweiterung der Flughafens wird es natürlich noch mehr Hotels und noch mehr Markenshops geben – und damit noch mehr Dinge, an denen der normale Ägypter gar nicht partizipieren kann. Im Sommer, so erzählt Thomas, sei die Senzo-Mall inzwischen der Treffpunkt junger Ägypter, die freilich nichts einkaufen können. Aber die vollklimatisierte Mall mit ihren Spielhallen und überdachten Freizeitparks ist bei 40 Grad im Schatten ein sehr angenehmer Platz, um einfach abzuhängen.

Hat die Revolution vielleicht auch damit zu tun, dass die jungen Ägypter an diesem offenkundigen Luxus für die Urlauber nun ebenfalls teilhaben wollen? Diese Entwicklungen gibt es doch nicht nur in Hurghada oder Sharm el Sheik, sondern auch in Kairo oder Alexandria. Natürlich hatte das Volk vor einem Jahr von Mubarak einfach mal die Nase voll. Doch vielleicht verbinden viele junge Ägypter mit der Revolution auch ganz einfach nur den Wunsch, nicht mehr nur vor den Schaufenstern der Läden zu stehen, sondern dort irgendwann mal selbst einkaufen zu können.

Sie wollen nur spielen

Ultras gibt es nicht nur in der deutschen Bundesliga, sondern auch in der ersten Ägyptischen Liga.

So also sieht Revolution aus. Wer nie eine mit erlebt hat, geht davon aus, dass sich 24 Stunden am Tag kreischende Menschenmassen durch die Straßen bewegen, mit Transparenten fuchteln, Mollis werfen, Barrikaden bauen und manchmal einen König köpfen. Ich für meine Person erlebe zum ersten Mal eine Revolution mit. Nun muss ich feststellen, dass ich so manchem Irrtum unterlegen bin. So ging ich fälschlicherweise davon aus, dass es in Ägypten zwei Revolutionen gab, die im Januar und Februar und dann noch eine im November und Dezember. So wurde es auch etwa von den deutschen Medien dargestellt. Das ist falsch. Die Revolution vom Januar hat nie aufgehört. Ich dachte auch, dass ich in Hurghada einigermaßen weitab vom Schuss sei. Auch das hat nicht gestimmt. Revolution sieht nämlich ganz anders aus. Wer tagsüber am Strand liegt oder mit dem Boot hinaus zu den Inseln fährt, der bekommt in der Tat nicht besonders viel mit. Doch wer mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt geht, spürt den Unterschied. Die Aggressivität unter den Ägypter ist viel größer geworden. Jahrelang hatten Polizei und Militär den Daumen drauf. Die Polizei war verhasst, das Militär beliebt. Vor beiden Uniformen hatte man aber einen Mordsrespekt. Das ist vorbei. Andererseits ist die Polizei, die früher sehr willkürlich agiert hat, nun nahezu überkorrekt, was sich darin zeigt, dass nun überall und immer alles mögliche kontrolliert wird – was die Touristen allerdings kaum tangiert.

Im Zweifelsfall macht jeder Ägypter an jeder Straßenecke seinen eigenen Tahir-Platz auf. Beim Fußballspiel in El Gouna erlebte ich ein ziemlich bizarres Beispiel. Der Block mit den vielleicht 100 Fans von El Masri war schwer von Polizei bewacht. Kurz vor Ende stürmten die El-Masri-Ultras (so nennen die sich wirklich) den Nachbarblock. Nur – der war leer. Der nächste El Gouna-Fan befand ich auf der Gegenseite. Die Sicherheitskräfte kamen gerannt, es wurde gebrüllt und dann marschierten die Fans wieder zurück in ihren Block und fanden es lustig, dass die armen Teufel in Uniform und Schild und Helm so richtig rennen mussten. Ein paar Minuten später fingen El-Gouna-Anhänger an, sich untereinander zu prügeln. Dann gab es Elfmeter für El Gouna und die Prügelei war schlagartig vorbei. Seit der Revolution sei die Zahl der Spielabbrüche in der ersten ägyptischen Liga sprunghaft gestiegen, erzählte mir Samih Sawiris.

Seit inzwischen vier Tagen warte ich auf einen Interviewpartner, der aus Mansura im Norden Ägyptens nach Hurghada kommen soll. Leider kam er nicht aus der Stadt heraus, weil Demonstranten die Ausfallstraßen blockierten. Sie sind vom Wahlausgang in ihrer Stadt enttäuscht. Selbst, wenn er gestern hätte fahren können: Bis nach Hurghada wäre er nicht gekommen. Bei Ras Gharib war die Küstenstraße ebenfalls zu. Dort gab es eine große Demo gegen die Ölindustrie am Ort. Dort saßen dann einige Busse voller Touristen fest, die von Kairo nach Hurghada wollten.

Dass das Internet seit Tagen nur bruchstückhaft funktioniert, ist wohl auch eine Folge der Revolution. So etwas kann zwar in Ägypten immer wieder passieren – aber nicht tagelang. Es kümmert sich eben keiner richtig darum.

Revolution bringt immer ein Stück Anarchie mit sich. So gesehen läuft es hier ja noch prächtig. Aber wer sie besichtigen will, der kann die Anarchie in Ägypten in bestimmten Bereichen erleben. Es ist nun allerdings nicht so, dass hier das gesamte öffentliche Leben mit einem großen Seufzer in sich zusammenbricht. Das meiste läuft wie eh und je, aber nicht immer so glatt, wie in den vergangen Jahren (in denen es natürlich auch in regelmäßigen Abständen gewisse Aussetzer gegeben hat).

Ob ich Angst habe? Nee, zu Touristen sind die Ägypter nach wie vor nett. Als mich gestern ein Taxifahrer beschummeln wollte und ich mich lautstark zu Wehr setzte, standen sofort vier da, um mir zu helfen. Auch das ist Ägypten. Die Revolution ist nicht nur der Tahir. Es ist spannend zu erleben, wie sie sich im Alltag auswirkt. Manchmal scheint es so, als ob die Ägypter daran sogar richtig Spaß haben. Aber sie wollen dann nur spielen – so meint es mancher Europäer wenigstens. Ein bisschen ist da ja auch was dran. 30 Jahre lang war die Meinungsfreiheit in Ägypten – die auch unter Sadat nicht grenzenlos war – sehr eingeschränkt. Nun macht jeder, egal ob er für oder gegen Mubarak war, ausgiebig von dem Gebrauch, was er Meinungsfreiheit nennt. Dann wird es auch mal laut, oder es fliegen die Fäuste. Es ist nichts anderes, als der berühmte Dampf, der aus dem Kessel raus muss. Für den Reisenden ist es faszinierend, für die Menschen die hier leben – soweit sie Ausländer sind – lästig bis beängstigend. Aber ich glaube, es sind Begleiterscheinungen einer jeden Revolution. Sie werden in dem Moment verschwinden, in dem es wieder eine handlungsfähige, stabile Regierung gibt – egal welcher Couleur. Außerdem: wir in Europa fanden die Arabellion doch alle ganz toll – schon vergessen?

Einsichten

Heute hatte ich ein Interview, auf das ich sehr lange gehofft habe: Mit Samih Sawiris, Sohn eines der größten Bauunternehmer des Landes, Absolvent der TU in Berlin und Gründer von El Gouna. Ich halte ihn für die logische Fortsetzung und vor allem Weiterentwicklung des von mir hoch geschätzten Mohammady Hwaidak, eine Einschätzung im Übrigen, bei der mir Samih Sawiris heftig widersprochen hat. Trotzdem bleibe ich dabei. Als Mohammady Hwaidak in der 80er Jahren begann, Hurghada zu einer riesigen Fremdenverkehrsmetropole zu entwickeln, holte er sich ganz bewusst die eigene Konkurrenz in den Ort, mit der Begründung, es sei wichtig, das Geld im Lande zu halten und nicht ins Ausland abfließen zu lassen. Zwar wuchs der Ort explosionsartig, aber Mohammady verlor sehr schnell die Kontrolle über die Entwicklung der Stadt. Samih dagegen behielt in El Gouna die ganze Kontrolle. Seine Motivation ging einen entscheidenden Schritt weiter. Er wollte nicht einfach nur das Geld im Land halten und nebenbei für Arbeitsplätze sorgen. Ihm ging es auch darum, Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen, Chancen zu verbessern und Wohnungseigentum auch für die weniger privilegierten Ägypter zu ermöglichen. So wurde aus einem kleinen Tourismuszentrum eine florierende Stadt mit 25.000 Einwohnern, und das alles innerhalb von 20 Jahren. Zuvor gab es an diesem Ort einfach nur – Sand. Auch ich habe zu jenen gehört, die noch Mitte der 90er Jahre El Gouna als Retortenstadt verspottet haben. Inzwischen habe ich meine Meinung allerdings gründlich revidiert. Gut – es liegt ja auch auf der Hand, dass ein Disneyland-Themenpark Ägypten keinen Berliner TU Campus braucht. Den aber gibt es in El Gouna, genau so, wie ein sehr gelobtes Krankenhaus, mehrere Schulen und einer Hotelfachschule. Der Tourismus stellte sozusagen nur den Nukleus für eine völlig neue Stadt dar. Samih meint, wenn es in Ägypten 1000 El Gounas geben würde – und der Platz ist da – würde aus dem Staat ein stabiles, demokratisches und florierendes Land. Im Süden jedoch, wo immer neue Hotelstädte hochgezogen werden, gilt eher Hurghada denn El Gouna als Beispiel. Samih hingegen ist unverzagt und baut ähnliche Modellstädte in Marokko, dem Oman, auf Mauritius, in Rumänien und – man höre und staune – in der Schweiz. Vielleicht wird ja unter einer neuen Regierung sein Beispiel doch noch Schule machen, egal, wer an die Macht kommt.

Übrigens hat Samih auch einen Fußballverein in El Gouna gegründet, den er in wenigen Jahren von der untersten in die oberste Liga geführt hat. El Gouna hat gestern gegen El Masri leider 0:1 verloren.