Katastrophe oder Chance?

Als ich vor ein paar Tagen aus Ägypten zurück kam, erklärte ich als profunder Kenner des Landes jedem, wie die Präsidentschaftswahlen ausgehen würden.  „Wahrscheinlich kommen Moussa und Abul Futuh in die Stichwahl. Der eine hat Erfahrung, der andere Charisma. Mursi und Shaffik haben keine Chance, der eine ist zu farblos, der andere nicht vermittelbar.“ Deshalb stehen jetzt Mursi und Shaffik in der Stichwahl. Irgendwie erinnerte mich das fatal an meine Zeit als Sportredakteur, wenn ich am Freitag in einer Vorschau schrieb, warum eine Mannschaft am Samstag gewinnt und ich am Montag erklären musste, warum sie verloren hat.

Die Präsidentschaftswahlen sind seit Monaten ein heiß diskutiertes Thema auch zwischen Thomas (links) und Peter. Foto: syt

Trotzdem war ich ein leidlich ordentlicher Sportredakteur. Trotzdem glaube ich, die Lage in Ägypten auch ganz gut beurteilen zu können – wenn das überhaupt einer kann. Schließlich war ich ja nicht der einzige, der sich geirrt hat. Aber was ich definitiv hätte voraussagen können, waren die Reaktionen auf diesen Wahlausgang. Da ist von Katastrophe die Rede, vom Ende oder gar dem Verrat an der Revolution, von der gescheiterten Demokratiebewegung. Ich gebe zu, ich war im ersten Moment auch ein wenig geschockt, weil ich mir einen anderen Wahlausgang gewünscht hätte. Doch bei näherer Betrachtung ist diese Ausgangslage vielleicht gar nicht mal die schlechteste für das Land – und seinen Weg zu einer wirklich funktionierenden Demokratie. Steile These? Ich versuch es mal zu erklären.

  1. Hätte irgendein Kandidat der Säkularen die Wahlen gewonnen, dann wäre er vermutlich an den überzogenen Erwartungen an ihn ganz schnell zerbrochen. Sollte der Moslembruder Mursi die Wahlen gewinnen, liegen auf ihm ganz andere Erwartungen (die er wohl auch nicht alle zur Zufriedenheit seiner Anhänger erfüllen kann).
  2. Mursi hat etwa 25 Prozent geholt. Bei den Parlamentwahlen hat die Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“ aber 47 Prozent erreicht. Mursi hat es also schon mal geschafft, den Stimmenanteil seiner Partei fast zu halbieren.
  3. Wenn Mursi Präsident werden will – Shaffik liegt ja nur zwei oder drei Prozent hinter ihm – wird er Zugeständnisse an die Säkularen und Liberalen machen müssen, sowohl personell, als auch programmatisch.

Das heißt, jetzt muss verhandelt werden. Immerhin – und das scheint ja unbestritten – sind die Ägypter im Handeln große Klasse. Sage niemand, dass es um ein Geschachere geht. Wenn hierzulande eine Wahl gelaufen ist, geht es auch erst nach Schließung der Wahllokale ans Eingemachte. Hier nennt man das Koalitionsverhandlungen. So etwas ähnliches wird es in den nächsten drei Wochen auch in Ägypten geben. Das gehört eben genau so zur Demokratie, wie Wahlkampf und Wahlen. Übrigens ist der Wahlkampf bislang ausgesprochen gut verlaufen, gemessen an den apokalyptischen Vorhersagen.

Ich habe auch schon den Einwand gehört: „Der kann jetzt ja viel versprechen, aber ob er es dann nach der Wahl einhält?“ Nein, in diesem Fall geht es ja um feste Abreden. Wenn Mursi zum Beispiel will, dass Abul Futuh sich für ihn ausspricht, muss er ihm etwas bieten, was Futuhs Anhänger bewegt, Mursi die Stimme zu geben. Wenn er dann sein Versprechen vergisst, ist es gut möglich, dass der der Tahrir relativ schnell wieder relativ rege besucht wird.

Umgekehrt gilt das alles natürlich genauso für Shaffik. Ich persönlich glaube aber eher, dass es auf Mursi hinausläuft. Der muss übrigens den Salafisten gar keine Zusagen machen, denn die haben gar keine andere Wahl als die, ihn zu wählen. Das finde ich persönlich übrigens ziemlich amüsant.

Die Ägypter haben bei dieser Wahl einmal mehr gezeigt, dass sie zu jeder Überraschung fähig sind. Vielleicht gilt das ja auch für den endgültigen Wahlsieger und künftigen Präsidenten des Landes. Anwar al Sadat galt als völlig farbloser, uncharismatischer Kompromisskandidat, als er 1970 die Nachfolge des verstorbenen Gamal Abdel Nasser antrat. Als er elf Jahre später ermordet wurde, war Ägypten nicht mehr dasselbe Land. Vielleicht wählen die Ägypter in drei Wochen den neuen Retter ihres Landes.

Nach 7000 Jahren…

Ja, ich bin noch da und nicht in Ägypten verschollen. Mit dem Abflug nach Hurghada am 10. Mai hatte ich mir einfach mal eine längere Internet-Abstinenz auferlegt. Die ist nun vorbei und nun will ich – sozusagen am Vorabend der Präsidentschaftswahl – erzählen, wie es uns in dieser Woche ergangen ist. Insgesamt war die Delegation des Carpathia-Verlages immerhin fünf Köpfe stark. Für drei war es die erste Reise nach Ägypten.

Der Kulturschock fiel, dank intensiver Vorbereitung, dann doch nicht ganz so groß aus. Stellvetretend sei das örtliche Transportwesen genannt. Fröhlich-betrügerische Taxifahrer rasen nämlich nicht aus latenter Todessehnsucht, sondern weil sie in der tiefen Sicherheit ruhen, dass Allah mit den Seinen ist. Es gibt übrigens auch koptische Taxifahrer, die ebenso fröhlich-betrügerisch sind und genauso selbstmörderisch fahren. Die haben dann auf der Heckscheine einen Verweis darauf, dass Jesus ein Auge auf sie hat. Es kann also theoretisch-theologisch nix passieren. Und wer die Fahrt vom Flughafen zum Hotel überstanden hat, den kann dann in den folgenden Tagen wenig erschüttern.

Zur Buchpräsentation in der Villa Kunterbunt bei Barbara und Thomas Bordiehn: Rund 60 Gäste waren gekommen, darunter zahlreiche Menschen, die in Hurghada leben, ob nun Europäer oder Ägypter. Inhaltlich gestaltete sich die Lesung diesmal ein wenig anders. Hatte es im Brauhaus noch lange Passagen über die Revolution in Kairo und Hurghada gegeben, verlegte ich mich in Ägypten eher auf kürzere anekdotische Stücke. Der Grund liegt auf der Hand. Die Mehrzahl der Zuhörer hatte die Revolution ja selbst vor Ort miterlebt. Entsprechend unterschiedlich fiel auch die Diskussion aus. Sie spiegelte einmal mehr die unterschiedliche Sichtweise der Europäer und der Ägypter wieder. Auf die europäischen Seite herrschte noch immer eine gewisse Skepsis, ob die ganze Sache mit der Revolution noch zu einem guten Ende führen würde. Die Ägypter unter den Zuhörern hielten mit großem Optimusmus dagegen. Für mich am eindrucksvollsten an diesem Abend war, wie Mazen Okasha die Größe des bislang Erreichten mit einem einzigen Satz zusammenfaßte: „Zum ersten Mal nach 7.000 Jahren wählen wir Ägypter am 24. Mai unser Staatsoberhaupt selbst in einer freien Wahl.“ Damit haben die Ägypter im übrigen alle Länder, in denen die Arabellion Erfolg hatte, überholt.

Zwei Tage lang werden die Ägypter ihren neuen Präsidenten wählen. Morgen beginnt der Urnengang. Es ist wirklich kaum zu sagen, wer am Ende die Nase vorne hat. Aber wer auch immer an die Macht kommt, muss sich am Ende dem Volk beweisen, denn eines wurde auch an jenem Abend in der Villa Kunterbunt wieder sehr deutlich. Wenn ein neuer Präsident einen alten Kurs fahren sollte, dann wird es nicht lange dauern, bis wieder Millionen auf dem Tahrirplatz stehen.

Ich persönlich neige eher dazu, den Optimusmus der Ägypter als die Skepsis der Europäer zu teilen. Dafür gibt es eine simple Erklärung: Ich habe die Ägypter in den letzten 20 Jahren als hochemotionale Pragmatiker erlebt. Irgendwie klappt es immer, was sie sich vorgenommen haben, wenn auch nicht auf den geraden, gepflegten und sauber gekehrten Wegen, die wir Europäer gerne beschreiten. Da gehts dann auch schon mal durchs Unterholz.

Zum Abschluss noch ein Link aus dem heutigen Tagesspiegel. Wenn diese Einschätzung des sozialdemokratischen Abgeordneten Ziad al Eleimi richtig ist, dann könnte der Stern der Moslembrüder schneller sinken, als jeder erwartet hat.

 

… und der Tag danach

Jetzt ist es also passiert, und das Buch ist präsentiert. Auch das Radiointerview von gestern Morgen bei Radio multicult.fm habe ich gut überstanden.

Die Buchpräsentation im Brauhaus war ja nicht nur die Vorstellung von „Koulou tamam, Ägypten?“, sondern auch die Premiere für den Carpathia Verlag. Das muss der Neid lassen: das hat unser Verlagschef Robert richtig gut hinbekommen. Dann hat er auch noch einen leibhaftigen Redner gefunden, der sich an nahezu alle meine Schandtaten aus den letzten fast 30 Jahren erinnerte: Mein lieber Kollege Frank Bachner, den ich schon aus Volontärszeiten in Rottweil und Spaichingen kenne, war dazu verdonnert worden, so etwas wie eine Laudatio zu halten – eine Aufgabe, der er sich gekonnt, souverän und witzig entledigte. (Wem der Witz galt, war ja wohl klar!!)

Lesen sollte ich dann auch noch. Das dauerte etwa 40 Minuten, und danach entspann sich eine spannende und fundierte Frage- und Antwortrunde. Ein guter Wind hatte Ute Renung von Hurghada bis ins Brauhaus an die Hasenheide geweht, die dann auch noch über die aktuelle Situation aus erster Hand berichten konnte.

Insgesamt war es ein sehr spannender und unterhaltsamer Abend, der im übrigen auch gut besucht war. Selbst über den Buchabsatz konnte ich nicht meckern. Wenn etwa die Hälfte der Zuhörer mit einem Buch nach Hause geht, kann ja die Veranstaltung nicht so ganz schlecht gewesen sein. Immerhin haben die Gäste ja auch zur Begrüßung Sekt und etwas zu Knabbern bekommen.

Der eine oder andere meinte nach der Veranstaltung, ich sei doch zumindest am Anfang der Lesung nervös gewesen. Damit das ein für alle Mal klar ist: ja das stimmt. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das bei den kommenden Lesungen legen wird. Allen, die im Brauhaus Südstern dabei waren und mit uns die Buchpremiere gefeiert haben, möchte ich an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihr Kommen danken. Wer es nicht geschafft hat, hat am Samstag in acht Tagen, am 12. Mai die Gelegenheit die zweite Buchpräsentation zu besuchen. Er muss dazu nur in die Villa Kunterbunt in Bordiehns Restaurant im Ali Baba Bazar im Arabiahotel in Hurghada in der Provinz Red Sea in Ägypten in Afrika kommen. Die Veranstaltung fängt dann um 20 Uhr an. Um angemessene Kleidung wird gebeten. Der Wetterbericht kündigt 34 Grad Celsius an.

Wem das zu heiß oder zu weit ist, der muss sich dann etwas gedulden. Am 31. Mai will im im K-Salon und am 6. Juni im Martinique lesen, beides in Berlin-Kreuzberg.

Der Tag zuvor

Zur Abwechslung mal nichts über Ägypten, sondern nur über die eigene Befindlichkeit. Heute morgen, kurz nach dem Aufwachen, wurde mir plötzlich klar, dass morgen ja die Präsentation von „Koulou Tamam, Ägypten?“ ist. (Für alle, die es noch nicht wissen: 19.30 Uhr, Brauhaus Südstern, Hasenheide 69 in Berlin.) Irgendwie hatte ich das komplett verdrängt, und es war irgendwie weit, weit weg. Glücklicherweise ist die große Veranstaltung ja auch auf Facebook angekündigt.

Aber es ist schon merkwürdig, wie man etwas beseite schieben kann, auf das man doch eigentlich seit fünf Monaten jeden Tag hingearbeitet hat. Aber keine Angst, ich werde da sein und auch ein wenig lesen. Vermutlich ist die Lesung die kleinste Übung. Schon morgens im acht soll ich im Studio von Radio multicult.fm sein und ein wenig über „Koulou Tamam, Ägypten?“ plaudern. Eigentlich ist das für mich viel zu früh. Aber ich habe da einen Trick. Ich muss mir nur vorstellen, dass ich zum Tauchen gehe, dann fällt das alles gar nicht so schwer.

So sieht es aus, wenn ich auf dem Boot lese. Alles irgendwie locker, und der Dress-Code ist sensationell.

Meine lieben Freunde und Verleger Robert und Cordelia können das gar nicht so richtig verstehen und auch (noch) nicht richtig vorstellen, dass ich im Urlaub jeden Morgen um sieben aufstehe, während ich in meinem Alltag einfach mal zwei Stunden länger ausschlafen kann. Aber sie werden es, denke ich, ja bald selbst erfahren, wie das ist. Am 10. fliegen wir alle nach Ägypten zur Buchpräsentation zweiter Teil.

Da werde ich – hoffentlich – wieder zu meiner liebsten Form der Lesung kommen: Nämlich auf dem Tauchboot. Zum ersten Mal hatte ich „Tauchboot-Lesungen“ 1995 gemacht. Damals noch auf den Sub-Aqua-Tauchbasen von Roland Schumm und Peter Dangelmeier, später dann bei Ute und Geli und bei Blue Water im Arabella. Mir machen diese Lesungen am meisten Spaß. Das Publikum ist zwar überschaubar, es sind meist nur zehn bis 15 Leute, manchmal weniger, aber es macht mir viel mehr Spaß in solch einem intimen Kreis zu lesen. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer scheint mir größer, und es enstehen viel spontaner Diskussionen über das Gelesene. Die ganze Atmosphäre ist einfach viel lockerer.

Das soll aber nicht heißen, dass ich mich auf die Präsentation morgen im Brauhaus und am 12. Mai in der Villa Kunterbunt nicht auch freuen würde. Das werden sicher zwei schöne Veranstaltungen. Und wer es weder zur einen, noch zur anderen schafft, der muss halt mal mit mir Tauchen gehen. Da lese ich ihm auch gerne etwas vor.

Ägypten dreht den Gashahn zu

Während wir hier fleißig versuchen, das Buch zu promoten, gibt es Neues aus Ägypten. Mir gefällt das natürlich nur bedingt. Warum? Heute fragte mich ein Kollege bei meinem Besuch beim Berliner Tagesspiegel, ob ich nicht Angst hätte, dass „Koulou Tamam, Ägypten?“ bald überholt sein könne. In der Tat drängt sich diese Frage förmlich auf. Andererseits ist ja alles, über was ich in diesem Buch berichte, passiert, und das Buch ist damit natürlich auch zu einer Chronik der Ereignisse im Jahr nach dem Ausbruch der Revolution in Ägypten geworden. Dass Ägypten nun Israel den Gashahn abdreht, konnte ich natürlich im Februar und März noch nicht ahnen. Oder vielleicht doch?

Die Ägypter haben sich nie richtig mit dem Friedensvertrag von Camp David anfreunden können. Für den Großteil von ihnen gilt Anwar al Sadat sogar als Verräter, der die ägyptischen Interessen an Israel verkauft habe. Wirtschaftlich haben beide Länder sicher von dem Vertrag profitiert. Doch genau das wird – zumindest beim Gasgeschäft mit Israel – derzeit angezweifelt. Der ungeliebte Nachbar habe das Gas viel zu billig bekommen. Der ägyptische Partner sei bestochen worden und überhaupt sei das ganze Geschäft ja doch wieder über den Mubarak-Clan gelaufen. Das etwa entspricht der Darstellung in den deutschen Medien. Soweit, so gut – oder auch wieder nicht gut.

Auch hier scheint mir die Berichterstattung wieder verdammt lückenhaft. Es ist eben nicht so einfach, dass dieser Lieferstopp und diese Vertragskündigung einfach nur eine politische Laune der Natur war, populistisch allemal, weil der Ägypter an sich den Friedenvertrag mit Israel nicht mehr will.

Ägypten gehört im Nahen Osten nun nicht unbedigt zu den großen Produzenten von Öl und Gas, verglichen mit Libyen, dem Irak oder gar Saudi Arabien. Eine Folge der Revolution war unter anderem, dass eben der Gaspreis drastisch gestiegen ist. Im Wahlkampf wurden unter anderem von den Moslembrüdern Tausende von Gasflaschen in den Armenvierteln Kairos verteilt, weil sich diese Armen das dringend benötigte Gas zum Kochen einfach nicht mehr leisten konnten.

Seit Tagen (oder Wochen?) lese ich immer wieder von meinen Freunden in Hurghada, dass der Versuch zu tanken entweder vergeblich oder mit stundenlangem Warten verbunden ist. Mir scheint es so, dass in Ägypten die Energie derzeit einfach knapp wird. Inwieweit das mit privilegierten Gaslieferverträgen an Israel zusammenhängt, mag ich nicht beurteilen. Aber wenn streikende Arbeiter in Ras Gharib die Küstenstraße blockieren, dann liegt die Schlussfolgerung nahe, dass in der Zeit auf den Öl- und Gasfeldern nicht gearbeitet wird, also dass auch nichts verladen oder transportiert wird. Das alleine wird allerdings auch nicht der Grund sein.

Wie dem auch immer sei. Da wird im Moment ein lautes Getöse gemacht, ja sogar mit den Säbeln gerasselt um einen Tatbestand, der doch eigentlich völlig offensichtlich ist: In Ägypten ist die Versorgungslage derzeit so schlecht, dass das Land sein Gas schlicht und einfach selbst braucht. Aber das zuzugeben fällt eben auch nicht so leicht.

Jetzt ist es raus!

Wir haben ein Buch! Heute Mittag wurden die Verlags-, Rezension- und Autorenexemplare angeliefert. Der Rest kommt in die Buchauslieferung nach Göttingen.

Natürlich haben wir den Anlass gebührend mit Sekt und Pizza gefeiert. Gewisse Irritationen gab es lediglich beim Versuch, gemeinsam eine Pressemitteilung zu erstellen. Eigentlich sollte ich das ja können, denn ich gebe derzeit einen Workshop zum Thema Pressemitteilungen. Vielleicht hängen die Schwierigkeiten, zu dritt eine Pressemitteilung zu verfassen, auch an der nämlichen Kombination aus Sekt und Pizza. Ich werde die Workshop-Teilnehmer bei unserem nächsten Termin auf diesen Sachverhalt gebührend hinweisen.

Angefangen hatte alles an einem kalten Sommertag im letzten Jahr – und das Projekt wäre beinahe an meiner Unkenntnis meines eigenen Kiezes gescheitert. Das Telefon klingelte, und Thomas war dran. Er und seine Familie seien gerade in Berlin, und ob wir uns nicht treffen wollten. Na klar, toll! „Wir sind ganz in deiner Nähe, im Café Einstein.“ Ich versuchte ihm schonend beizubringen, dass weder die Kurfürstenstraße noch Unter den Linden ganz in meiner Nähe seien, aber dass ich mit dem Rad in 20 Minuten sowohl in Mitte, als auch in Tiergarten sein könne. Nein, nein, meinte Thomas. Sie seien in der Bergmannstraße. Ich erklärte ihm, dass er, wenn er in der Bergmannstraße sei, nicht im Café Einstein sein könne, und wenn er im Café Einstein säße, dann wäre er nicht in der Bergmannstraße.

Er hatte recht. Aber woher soll ein normaler Kreuzberger wissen, dass es in der Bergmannstraße gegenüber dem Ärtzehaus tatsächlich eine kleine Einstein-Dependance gibt? Für alle Nicht-Berliner: Die Bergmanstraße liegt zwar in Kreuzberg, wird aber von Kreuzbergern faktisch nicht betreten. Das erklärt vielleicht meine Wissenslücke.

Wir saßen an dem kühlen Sommertag trotzdem draußen und Thomas meinte, dass es vielleicht mal wieder Zeit für ein neues Buch wäre, jetzt, da sich in Ägypten so vieles ändere. Auch Barbara fand die Ende entzückend. Nur ich zierte mich noch ein wenig. Tatsächlich glaubte ich, dass es vielleicht noch etwas zu früh sei. Aber die Saat war gelegt. Im November war ich reif. Ich schrieb eine E-Mail nach Ägypten und bekam zur Antwort, ich solle mich doch mal schnell auf mein Rad schwingen und auf den Weihnachtsmarkt an den Gendarmenmarkt kommen (ja, in Berlin beginnen die Weihnachtsmärkte sechs Wochen vor dem Fest!). Und damit war es passiert. Der Rest steht nun in diesem Blog.

Was allerdings nicht drin steht, ist, dass der Entschluss, ein neues Ägypten-Buch zu schreiben, zeitlich mit der Gründung des Carpathia Verlags zusammenfiel. Dem jungen Verlag kam die Idee gerade recht für den ersten Print-Titel.

Und nun ist also dieses Buch dabei herausgekommen. Aber es ist ja nicht so, dass so ein Buch eine einsame und alleinige Schlittenfahrt ist. Da haben schon noch einige andere ihre Finger im Spiel gehabt. Ohne Thomas und Barbara hätte ich „Koulou Tamam, Ägypten?“ vielleicht nie geschrieben. Ohne Cordelia und Robert vom Carpathia Verlag wäre es nie gedruckt worden.

Und da gibt es noch einen, der, als es finster zu werden drohte, wie ein Lichtlein erschien. Als wir kurzzeitig ohne Lektor dastanden und der Erscheinungstermin bedenklich ins Wanken geriet, stand plötzlich Martin parat – ach was, Martin – Dr. Martin Jungmann, soviel Zeit muss sein.  Er schlug ein und machte sich an seine erste Lektoratsarbeit für den Carpathia Verlag. Aber freilich muss ich an dieser Stelle sagen: Er hat das nicht schlecht gemacht. Er hat das sogar sehr gut gemacht. Sollte zufällig unter den Lesern dieses Blogs jemand sein, der sich gerade mit dem Schreiben eines Buches beschäftigt, kann er sich vertrauensvoll an Dr. Martin Jungmann wenden. Der Junge kann das. Er hat nur einen leichten Hau, wenn es um den FC St. Pauli geht, aber den teilt er mit mit Kriminalhauptkommissar Frank Thiel aus Münster.

Die Bücher der Bücher

Zwar fiebern wir nun alle der Auslieferung von Koulou Tamam entgegen, aber übers Wochenende hat mich dann doch noch aus aktuellem Anlass ein ganz anderes Buch beschäftigt. Deutsche Salafisten haben in deutschen Städten den Koran verteilt. Das hat vor allem bei Konservativ-Christlichen für beträchtliche Aufregung gesorgt. Ich muss gestehen, dass ich das eine für so verfehlt halte wie das andere.

Vorab möchte ich allerdings noch etwas klar stellen. Es ist wohl auch in diesem Blog deutlich geworden, dass ich vor dem Islam einen hohen Respekt habe und dass ich sogar glaube, dass der Koran in bestimmten Dingen klarer und fortschrittlicher ist, als das neue Testament.

Warum ich die Aktion der Salafisten für verfehlt halte, ist relativ einfach zu erklären: Weil sie ihren eigenen Ansprüchen komplett widerspricht. Der Koran ist nicht interpretierbar und soll deshalb nur im hocharabischen Original gelesen werden. Vor allem die Salafisten, die sich als Gralshüter des wahren islamischen Glaubens betrachten, legen doch so viel Wert darauf, dass solche Regeln eingehalten werden. Die Übersetzung ist vom Zentralrat der Muslime autorisiert, und da die Übersetzung keine Übersetzung sein darf, hilft man sich in diesem Fall mit einem rhetorischen Salto Mortale und einem theologischen Beipackzettel, der die Übersetzung kurzerhand zu einer Beschreibung des Korans erklärt. Kann man machen – als pragmatischer aufgeschlossener Muslim. Doch warum sind solche Purzelbäume überhaupt notwendig? Weil es eben Fundamentalisten gibt, die peinlich darauf achten, dass zum Beispiel der Koran nicht durch eine Übersetzung interpretiert wird. Und jetzt springen die Salafisten auf den pragmatischen Zug auf? Das ist lächerlich.

Es ist nicht weniger lächerlich, als die hysterischen Reaktionen deutscher Christen auf die kostenlose Verteilung des Korans (oder seiner deutschen Interpretation). Der Koran an sich ist nicht mehr oder weniger verfassungsfeindlich als die Bibel. Auf den Jesuiten und Wanderprediger Pater Johannes Leppich SJ geht der Brauch zurück, dass in vielen deutschen Hotels ein Neues Testament in der Nachttischschublade liegt – das auch gerne mitgenommen werden kann. Darüber hat sich nie jemand aufgeregt – obwohl Pater Leppich den wenig schmeichelhaften Spitznamen „das Maschinengewehr Gottes“ trug. Auf protestantischer Seite ist es der Gideon-Bund, der bis heute Bibeln grundsätzlich kostenlos unters Volk bringt. Natürlich darf man die Frage stellen, was jemandem passieren würde, der in Medina kostenlos Bibeln verteilen würde. Eben! Gerade dass bei uns der Koran ungehindert verteilt werden kann, unterscheidet uns ja von Saudi Arabien.

Lasst die Menschen doch den Koran lesen und lasst sie vergleichen. Ist denn der christliche Gedanke so schwach, dass er sich vor dem islamischen verstecken müsste? Ist das laute Geschrei um die Koranverteilung nicht ein Armutszeugnis, ein Zeugnis der Schwäche und bedeutet es nicht letztendlich Glaubensarmut?

So sehr ich auch den Islam respektiere, so wenig käme er für mich als Glaubensalternative allerdings in Frage. Bei aller Schuld, die verschiedenen Kirchen und Konfessionen in den letzten 2.000 Jahren auf sich geladen haben mögen, eins steht doch fest. Das Christentum wurde 300 Jahre lang von freundlichen, friedlichen Menschen völlig gewaltlos verbreitet, von Menschen, die bereit waren, für ihren Glauben widerstandslos zu sterben. Märtyrer sind im christlichen Sinn gewaltlose Glaubenszeugen. Im aktuellen islamistischen Kontext sind Märtyrer Menschen, die sich Sprengstoffgürtel umbinden, um damit andere Menschen in die Luft zu sprengen. Keine Frage, welche Art von Märtyrer ich vorziehe. Was nun die Ausbreitung des jeweiligen Glaubens in den ersten drei Jahrhunderten betrifft, da hatte das Christentum keinerlei Waffen nötig, und es verbreitete sich trotzdem wie ein Lauffeuer. Auch der Islam verbreitete sich rasend schnell, allerdings fast überall unter der Zuhilfenahme von Krummsäbeln.

Gerade Salafisten nehmen gerne das Wort von den „Kreuzzüglern“ in den Mund. Ironischerweise ist es ausgerechnet ein Kreuzzug, der den Weg für ein gedeihliches Miteinander zwischen Christen und Moslems weist. Im Fünften Kreuzzug gelang es dem ägyptischen Sultan Al Kamil Muhammad al Malik und dem deutschen Kaiser Friedrich II., einen Weg des Ausgleiches ohne Blutvergießen zu beschreiten. Und das war nur auf der Basis des Respekts und der gegenseitigen Anerkennung möglich.

Nach dem Buch wird gebucht

Seit gestern ist „Koulou Tamam, Ägypten?“ in der Druckerei. Wenn alles gut läuft, dann sollten wir am 18. April das Buch in Händen halten. Ab dann steht es auch als E-Book zur Verfügung. Die Printversion kann bereits jetzt über den Buchhandel bestellt werden und wird dann in der zweiten Aprilhälfte geliefert.

Natürlich werden wir „Koulou Tamam, Ägypten?“ auch in gebührendem Rahmen vorstellen. Am 3. Mai um 19.30 Uhr wird es in Berlin im Brauhaus Südstern, Hasenheide 69, die erste Präsentation geben.

Eine Woche später fliegen wir nach Hurghada, wo das Buch irgendwann zwischen 11. und 16. Mai in der Villa Kunterbunt beim Arabia-Hotel vorgestellt wird.

Da wir schon darauf angesprochen worden sind, ob wir auch Freunde, Interessierte, Gönner oder Fans an das Rote Meer mitnehmen wollen, haben wir uns mit dem Passat-Reisebüro bei uns um die Ecke zusammengetan, und uns einige Angebote (ab Berlin) erstellen lassen.

Dazu kurz einige Anmerkungen: Arabia und Arabella-Hotel liegen direkt nebeneinander. Beides sind sehr gute Hotels, etwa mit dem gleichen Standard. Die Villa Kunterbunt liegt genau zwischen den beiden Hotels. Wer es etwas preiswerter mag, für den haben wir noch das Hotel Le Pacha ausgesucht, das fünf Taximinuten von der Villa Kunterbunt entfernt ist.

Wer eines von diesen Angeboten wahrnehmen will, wird wohl auf den gleichen Flug wie wir von Schönefeld aus gebucht. Die Fluggesellschaft ist Condor, und Abflug ist 7:15 Uhr. Bei einem Online-Check-in am Vorabend sollte es reichen, um sechs auf dem Flughafen zu sein.

Wer sich für eines der Angebote interessiert, setze sich bitte mit dem Reisebüro Passat-Reisen in der Gneisenaustraße 97, 10961 Berlin in Verbindung. Ansprechpartner ist Frau Rose.

Wir freuen uns über jeden, der uns in dieser Woche begleiten will. Das gilt natürlich auch für alle Nicht-Berliner, doch für die konnten wir jetzt leider keine Angebote mehr ausfindig machen. Sobald der genau Termin feststeht, werden wir natürlich auch mitteilen, wann die Buchpräsentation in der Villa Kunterbunt stattfindet, sowie Ort und Zeit von möglichen weiteren Lesungen.

Es wäre schön, wenn wir uns im Mai in Hurghada treffen würden!

Bis dahin,

Euer Peter

Der Tod des Patriarchen

Der Papst ist tot – nicht der in Rom, sondern der Patriarch von Alexandrien, Schenuda III. 88 Jahre alt ist er geworden. Er ist damit vier Jahre älter als sein katholischer Kollege, dem er in seiner konservativen Einstellung in nichts nachstand. Ja, im Gegenteil. Mir sagte mal ein Ägypter, dass Benedikt XVI. im Vergleich zu Schenuda ein progressiver Eiferer sei.

Schenuda III. Foto: Chuck Kennedy

Durch Schenudas Tod richtet sich der Blick nun verstärkt auf die Kopten in Ägypten, die immerhin rund zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung ausmachen. Und diese Minderheit ist sicher eine genauere Betrachtung Wert. Bei den Kopten handelt es sich um eine durchaus sehr selbstbewußte Gruppe innerhalb der Bevölkerung – was immer wieder zu Spannungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Moslems führt.

Die Kopten begreifen sich als Ureinwohner Ägyptens, deren Wurzeln bis in die Zeit der Pharaonen zurückreichen. Den christlichen Glauben hatte ihnen der Evangelist Markus gebracht, der erste Bischof von Alexandria. So sagen die Kopten auch von sich, sie seien die älteste christliche Kirche. Älter noch als die römisch-katholische. Erst 500 Jahre später eroberten die Araber Ägypten, und mit ihnen kam der Islam. Für manchen Kopten sind 90 Prozent der Bevölkerung nichts anderes als Eroberer. Mischehen zwischen Kopten und Moslems sind bei den Christen ebenso verpönt und verboten, wie bei ihren islamischen Mitbürgern. Gerade an diesem Punkt entzünden sich immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen.

In der fast 30 Jahren Regierungszeit unter Hosni Mubarak hat es vergleichsweise wenig blutige Auseinandersetzungen gegeben. Die häuften sich während der Revolution. Allerdings sind viele dieser zum Teil verheerenden Zusammenstöße auf Schergen des alten Systems zurückzuführen, die alles, aber auch alles dafür tun, das Land zu destabilisieren. Auf der anderen Seite haben Moslems während er Revolution die Kopten bei ihrer Sonntagsmesse auf den Tahrir beschützt, so wie es die Kopten während es Freitagsgebets auf dem Platz der Befreiung taten.

Der verstorbene Papst Schenuda hatte an seine Glaubensbrüder appelliert, sich nicht an den Demonstrationen zu beteiligen. Er stützte länger als andere den gescheiterten Diktator Mubarak. Allerdings hatten sich ja auch die Moslembrüder lange vornehm zurückgehalten. Schenuda hingegen hatte durchaus einen Grund, Mubarak etwas länger zu stützen. Zum einen fürchtete er eine islamistische Regierung, die Mubarak nachfolgen könnte, zum anderen erinnerte er sich natürlich noch an die Zeit unter Gamal Abdel Nasser, als Kopten drangsaliert wurden.

Die Schikanen des Präsidenten Nasser hatten allerdings nichts mit der Religion, sondern vielmehr mit der „Klasse“ zu tun. Kopten sind im Vergleich zu Moslems im Durchschnitt besser gebildet und wohlhabender. Die reichste ägyptische Familie ist eine koptische. Der Bauunternehmer Onsi Sawiris wurde in der 50er Jahren von Nasser im Zuge des „arabischen Sozialismus“ enteignet, kehrte 1972 aus dem Exil nach Ägypten zurück und machte dann ein Milliardenvermögen.

Sein Sohn Naguib ist heute eine der einflussreichen Personen in der ägyptischen Politik – und immer wieder Zielscheibe islamistischer Kritiker, wobei er selbst durchaus auch austeilen kann, wie eine von ihm verbreitete Karikatur von Disneyfiguren in islamistischer Aufmachung beweist. Er handelte sich damit eine Fatwa und ein Gerichtsverfahren ein, bei dem er aber freigesprochen wurde.

Naguibs Bruder Samih zeigt in der von ihm erbauten Stadt El Gouna, wie es gehen sollte. Da steht die Kirche neben der Moschee, und er achtet auf ein gedeihliches Miteinander. Trotzdem ist auch er voller Skepsis, was die Zukunft betrifft. Als die Führung der Moslembrüder zum ersten Mal offiziell das koptische Neujahrsfest besuchte, bewertete er das als „Show“. Ein wenig sarkastisch fügte er hinzu: „Aber rausschmeißen können sie uns nicht. Wir sind hier die Ureinwohner.“