Warum Ägypten kein islamistischer Gottesstaat wird

Was den neuen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi betrifft, war ich lange Zeit hin und her gerissen. Ich fragte mich, ob der neue Präsident ein Vollidiot oder vielleicht doch ein begnadeter Politiker ist. Ersteres stimmt offensichlich nicht, zweiteres steht noch aus. Allerdings hat Mursi in den letzten vier Wochen mit drei Aktionen überrascht:

  1. Er hat mit einem Handstreich den Militärrat entmachtet und dessen Vorsitzenden Mohammed Tantawi kaltgestellt.
  2. Er hat einen moslembrüder-kritische Journalisten aus dem Knast geholt, der dort in U-Haft wegen des Verdachts der Präsidentenbeleidigung saß.
  3. Er hat Irans Präsident Achmadinedschad während er Konferenz der Blockfreien in Teheran brüskiert und isoliert.

Seine Kritiker sind einigermaßen verblüfft. Doch ihre Gegenargumente beruhen derzeit nur auf Mutmaßungen und Aussagen aus Mursis Vergangenheit, konkret im Wahlkampf. Zumindest seine bisherigen Taten sprechen eine andere Sprache. Grundsätzlich gilt wohl eines: Obwohl Mursi offiziell die Moslembrüder verlassen hat, bleibt er natürlich ein frommer und wohl auch sehr konservativer Moslem – was im Übrigen der im Westen so hochverehrte Anwar al Sadat auch war, dessen Zibeba so echt wie unübersehbar war. Sadat war es übrigens, der die ägyptische Verfassung durch ein ganz entscheidendes Wort veränderte, nachdem nämlich Koran und Scharia nicht eine, sondern die Quelle des ägyptischen Rechts seien. Man möge sich den weltweiten Aufschrei vorstellen, wenn Mursi etwas Ähnliches verfügen würde. Das wird er freilich kaum tun. Wer allerdings glaubt, dass die drei genannten Punkte nur eine große Show waren, um den Westen ruhigzustellen, der könnte nicht falscher liegen. Und dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits spielt der Westen in Mursis außenpolitischer Strategie eine eher untergeordnete Rolle, andererseits lohnt es sich, die Hintergründe der drei spektakulären Entscheidungen genauer zu betrachten.

Tantawis Sturz war ein Geniestreich, der allerdings direkt mit dem Grenzzwischenfall im Sinai zusammenhängt, bei dem 16 ägyptische Soldaten ums Leben kamen. Für Ägypten ganz besonders peinlich: ausgerechnet die Israelis – denen einige Hardliner den Zwischenfall in die Schuhe schieben wollten – haben die ägyptischen Militärs vor dem Anschlag gewarnt. Passiert ist offenbar nichts. Kurze Zeit erregten sich die Ägypter darüber, dass Mursi nicht einmal zur Beerdingung der 16 Soldaten kam. Was wie eine unfassbare Stoffeligkeit aussah, entpuppte sich bald als gerissener Winkelzug. Dadurch, dass Tantawi alleine bei der Trauerfeier erschien, wurde der Blick auf ihn und dadurch auch auf die Frage nach der Verantwortung gerichtet – die Mursi wenige Tage später auf sehr eindrückliche Art beantwortet hatte. Nicht einmal in der Armeefühung erhob sich auch nur noch ein Finger für Tantawi. Offiziell machte Mursi ihn zu seinem Berater, verlieh ihm einen Orden und verabschiedete ihn mit allen Ehren. So elegant wurde noch selten der eigentliche Führer eines Landes aufs Abstellgleis geschoben.

Freie Bahn also für die Islamisten? Noch vor zwei Wochen gab es Befürchtungen, dass die Demonstrationen gegen die Macht der Moslembrüder am 24. August zu blutigen Ausschreitungen führen könnten, zumal ein Imam oppositionelle Demonstranten buchstäblich zum Abschuss freigegeben hatte. Es blieb bei den Demonstrationen gegen die Moslembrüder erstaunlich ruhig. Nicht nur das. Kurz zuvor hatte Mursi per Dekret verfügt, dass der Journalist Islam Affifi aus der Untersuchungshaft zu entlassen sei, in die er nur Stunden zuvor gesperrt worden war. Mursi ging sogar noch weiter und verbot in Zukunft jede Untersuchungshaft für regierungskritische Journalisten. Mursi-Kritiker monieren allerdings, dass der Prozess gegen Affifi und andere fortgesetzt werde.

Und dann war da noch die Reise zu den Blockfreien nach Teheran. Der Westen geriet schon in Schnappatmung bei dem Gedanken daran, dass Mursi dem Teufels-Perser Achmadinedschad die Hand geben könnte. Eine mögliche Koalition des Moslembruders mit den radikalislamischen Jüngern Chomenis wurde da an die Wand gemalt. Mursi dürfe auf keinen Fall nach Theran zum Vollversammlung der Blockfreien reisen – dessen Präsidentschaft Muris übrigens turnusgemäß übernahm. Mursi reiste, gab seinem „lieben Bruder“ ordentlich das Pfötchen – und watschte die Gastgeber wegen ihrer Syrienpolitik dann dermaßen ab, dass das iranische Staatsfernsehen in der Simultanübersetzung das Wort Syrien konsequent durch das Wort Bahrain ersetze, was in Bahrain wiederum zu Entsetzen führte. Das alles wäre dem Westen erspart geblieben, wenn Mursi nicht nach Theran gefahren wäre. Tja – hinterher ist man immer schlauer, zumal ganz offenbar bei Mohammed Mursi.

Aber das alles sind ja noch keine stichhaltigen Gründe dafür, dass er sein Land nicht zu einem islamistischen Gottesstaat machen will. Doch die Beispiele zeigen zumindest, dass Mursi ein ganz gewiefter Taktiker und offensichtlich ein ziemlich schlauer Fuchs ist. Dass eine seiner wichtigsten Aufgaben sein wird, das Land und seine Menschen zu einen, musste ihm niemand sagen. Er tut es auf eine interessante Art und Weise. Er fördert ganz offensichtlich den ägyptischen Nationalismus. Da gleicht er dann doch eher einem Gamal Abdel Nasser als einem Ajathollah Chomeni. Mit der Forderung nach Ägyptens Stärke und einer Führungsrolle in der Arabischen Welt kann Mursi über alle Parteigrenzen Punkte machen.

95 Prozent Ägyptens besteht aus Wüste.
Foto: psk

Und dann? Von nationalistischen Parolen oder Taten wird die Versorgungslage nicht besser, ändert sich nichts im Bildungssystem und auch das Gesundheitssystem gesundet davon nicht. Das vielleicht größte Problem überhaupt ist die nach wie vor explosionsartig wachsende Bevölkerung. Offziell wird noch immer von 80 Millionen Ägyptern gesprochen. Vor kurzem postete der in Kairo wirkende katholische Geistliche Msgr. Joachim Schroedel eine ganz andere Zahl. Und die wird ja einem Mohammed Mursi auch nicht verborgen bleiben. 91 Millionen Ägypter, davon leben 83 Millionen im Land – in einem Land, das zu 95 Prozent aus Wüste besteht. Ägypten, einst die Kornkammer des Römischen Reiches – kann seine Bürger nicht mehr selbst ernähren. Der Energieverbrauch liegt etwas 20 Prozent über dem, was Ägypten selbst produziert. Selbst wenn es zu einer wirtschaftlichen Gesundung kommt, frißt das Bevölkerungswachstum die Früchte sofort wieder weg.

Natürlich weiß das ein Mohammed Mursi auch. So fromm und konservativ er auch sein mag – er scheint einen sehr analytischen Verstand zu haben. Eine streng konservativ-islamische Sozialstruktur ist mit dem Ziel, das Bevölkerungswachstum zu beschränken, schlechterdings unvereinbar. Eines hat die Geschichte gezeigt: Gegen eine Bevölkerungsexplosion helfen weder Ein-Kind-Politik noch Kondome oder fromme Worte. Nur eine nachhaltige Steigerung des Lebensstandards für die große Masse der Bevölkerung wird das Wachstum eindämmen können. Dazu braucht Mursi aber alle Ägypter und nicht nur die Moslembrüder. Und über alle Religionsgrenzen hinweg gilt ja auch eines: Weder der Koran noch die Bibel haben ein Rezept gegen diese Bedrohung. Deshalb heißt es wohl zusammenzuarbeiten.

6 Gedanken zu „Warum Ägypten kein islamistischer Gottesstaat wird

  1. endlich mal eine andere berichterstattung als die uebliche main stream leier.
    interessant auch die erwaehnung von sadat. waerend der ereignisse von 1952, und die uebernahme der macht durch das militaer, wurde sadat, der als moslem bruder sympatisant bekannt war, von naguib und nasser als verbindungsmann zu den moslem bruedern eingesetzt. spekulationen deuten auch darauf hin das sadat selbst ein moslem brueder war. dieses wurde aber aus politischen gruenden damals nicht bekannt gemacht worden.

  2. Hallo Peter, ich – (leider nur lokale) Journalisten-Kollegin aus dem Badischen mit stetem Frust über die main-stream Ägypten-Berichterstattung – bin gestern aus Ägypten zurückgekommen und kann die obige Einschätzung nur unterstreichen. Was mich gefreut hat, war eine optimistische Einschätzung der Lage und der Politik Mursis seitens unserer Reiseführer, einer von ihnen koptischer Christ, der andere Moslem. Letzterer hat betont, dass Angehöriger beider Religionen sich gegenseitg respektieren und auch schützen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass weder in der Bevölkerung noch in der Politik Interesse an einer islamistischen Ausrichtung besteht, sondern die realen Probleme angegangen werden sollen, die durch die schlimmen (vor allem letzten 15) Jahre der Mubarak-Diktatur verursacht worden sind. Ich habe aber auch erlebt, dass einige Urlauber Vorurteile hatten und dass offensichtlich die verheerenden Folgen der Mubarak-Zeit nicht ihm, sondern der Revolution in die Schuhe geschoben werden. Vieles, was in deinem hervorragendem Buch beschrieben ist, findet sich vor Ort bestätigt – und ich hoffe sehr, dass es viele Ägypten-Interessierte lesen und das Land besuchen. Es ist extrem wichtig, dass die Menschen dort wieder mehr Arbeit im Tourismus-Sektor finden, was nur durch eine bessere Auslastung der Hotels und auch der Kreuzfahrtschiffe möglich ist!

  3. Hallo, lieber Peter Kaspar – vor einigen Tagen habe ich Ihr Buch „Koulou tamam, Ägypten?“ erhalten und lese es mit großem Interesse. Durch mehr als 25 Aufenthalte seit 1984 in Ägypten habe ich die gesamte Mubarak-Ära mitbekommen. Nicht nur als (Pauschal-)Urlauberin, auch als Gast in einheimischen Familien in Kairo und Alex. Durch die Arabellion hat sich viel verändert… augenblicklich politisch wie wirtschaftlich ist manches noch mit Fragezeichen zu sehen; doch ich vertraue auf die Ägypter. Auch Mursi wird das Seine tun, um allen Ägyptern wieder mehr Selbstwertgefühl und Mut zum (Neu-)Aufbau der teils zerstörten oder doch arg gerupften Strukturen in Wirtschaft, Tourismus und Industrie zu vermitteln. Danke für Ihren realistischen und objektiven Artikel…. jenseits der Mainstream-Media.

  4. Ich weiß nicht so recht.Wenn die Volksabstimmung den
    Islamistischen Staat beschließt,dann wird es eng in Ägypten.
    Dann ist die Umwandlung Ägypten zum Islamistischen Gottesstaat nicht aufzuhalten sowie eine Spaltung des Staates Ägypten.Es wird sich teilen,wie viele Staaten vor Ihnen.

    Mir persöhnlich würde es sehr leid tun für Ägypten,war in den letzten Jahren immer im Urlaub dort.Hat mir wirklich gut gefallen.Ich persöhnlich würde dann auch weiterhin in den Urlaub fliegen,wenn da nicht meine Frau wäre die in einem Islamistischen Staat nicht sein will.Was auch verständlich wäre.Oder ?
    Aber wir werden es sehen.
    Ich glaube zu jetziger Zeit kann keiner den weiteren Weg
    Ägyptens Weg voraus sehen.
    Gerade was mit der Politik zusammenhängt.
    Unsere Politiker belügen uns schon nach Strich und Faden.
    Da will mir jemand erzählen das er weiß das Ägypten kein Islamistischer Gottesstaat wird und was in den Köpfen Ägyptischer Politiker vorgeht.
    Finde ich äußerst gewagt.
    Ich für mein Teil bilde mir selber meine Meinung und warte einfach ab ,wie es sich weiter entwickelt.
    Da ich ein einem sogenannten demokratischen Land lebe und dieser weit weg von Ägypten ist,geht dies mir eigendlich auch nichts an.

    • Ja, es ist sicher immer richtig, sich von einer Situation möglichst selbst ein Bild zu machen. Deshalb hier ein Link zu Originalquelle, dem Verfassungsentwurf: http://www.egyptindependent.com/news/egypt-s-draft-constitution-translated. In Artikel 2 ist festgeschrieben, dass die Scharia die Grundlage des Rechts ist, das ist richtig. Nur – das ist bereits seit 1980 so. Und bisher hat das neimanden, auch nicht Sie oder Ihre Frau, von einer Reise nach Ägypten abgehalten. Man kann von Mursi wohl kaum erwarten, dass er ausgerechnet diesen Artikel seines Vorgängers kippt. Nun gibt es in Bezug auf die Scharia im Westen auch noch zahlreiche Missverständnisse, nachzulesen beispielsweise auf der Website des Goethe-Instituts. Dass in den Medien gerne Extrem-Beispiele gebracht werden, ist ja bekannt. Ich denke tatsächlich, dass in Ägypten derezit ein politischer Machtkampf ist, denn die „alten Seilschaften“ des Mursi-Regimes sind vor allem in der Justiz noch sehr stark gewesen. Und dass demonstriert wird, könnte man ja durchaus für die Entwicklung einer Demokratie als gutes Zeichen werten, oder? Zumal immer wieder von Leuten vor Ort zu hören ist, dass in der Medienberichterstattung darüber sehr stark aufgebauscht wird. In diesem Sinne: Ägypten ist sicherlich nach wie vor immer eine Reise wert, und die Menschen dort haben es wirklich verdient, dass wir sie weiterhin als Touristen unterstützen. Ich jedenfalls war an Pfingsten und im Sommer erst in Dahab und dann auf dem Nil (dass erste Mal mit meiner 19-jährigen Tochter, das zweite Mal mit meinem zehnjährigen Sohn) und hatte nie ein schlechtes Gefühl. Und auch damals geisterten gerade „Horror-Meldungen“ durch den Blätterwald…