Genau das ärgert mich!

Den Ausgang des Referendums in Ägypten will ich jetzt im Moment gar nicht kommentieren. Das offizielle Ergebnis steht noch nicht einmal fest. Aber wieder ist es der deutsche Qualitätsjournalismus, der des Wasser nicht halten kann und wo unreflektiert schon wieder kompletter Stuss verbreitet wird.

Vor dem Referendum war klar, dass nicht die Höhe der Zustimmung, sondern die Wahlbeteiligung viel aussagekräftiger sein würde. Nun sind die ersten Zahlen inoffiziell genannt worden, und die liegen bei einer Zustimmung von 95 Prozent und einer Wahlbeteiligung von 55 Prozent. Ob sich das alles so bestätigt, lassen wir zu diesem Zeitpunkt einmal dahingestellt.

Spiegel Online hat es einem nachrichtlichen Beitrag unter anderem Folgendes geschrieben: »Allerdings war die Wahlbeteiligung gering, die Islamisten hatten zum Boykott aufgerufen..« Immerhin hat sich der Autor noch verkneifen können zu schreiben, dass die Wahlbeteiligung so gering war, weil die Moslembrüder zum Boykott aufgerufen hatten, aber die Formulierung suggeriert genau das. Und damit wird die ganze Geschichte ziemlich unverschämt.

Aus bundesdeutscher demokratischer Tradion ist eine Wahlbeteiligung von 55 Prozent in der Tat eher dürftig. Aber wenn man sich in Ägypten die Wahlbeteiligung bei der Parlamentswahl, bei der Präsidentschaftswahl und bei dem letzten Verfassungsreferendum anschaut, dann ist die Wahlbeteiligung – so sie sich bestätigt – fast schon ein Rekordergebnis. Und eines ist bei diesem Resultat auch klar: Rein rechnerisch steht die Mehrheit der wahlberechtigten Ägypter hinter der Verfassung, selbst wenn die 45 Prozent, die nicht gewählt haben, alle nur deshalb nicht zur Urne gegangen sind, weil sie dem Boykottaufruf der Moslembrüder folgten.

Jetzt sehen wir uns einmal andere Wahlen an. Da wären die Präsidentschaftswahlen. Im ersten Durchgang erreichte Mursi 24,8 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent. Im zweiten Durchgang, als nur noch zwei Kandidaten zur Wahl standen, gewann er mit knapp 51,7 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 51 Prozent. Damit steht doch zumindest eines fest: Es stehen heute bedeutend mehr Ägypter hinter der neuen Verfassung, als jemals hinter Mursi gestanden haben – einer Verfassung im übrigen, die die Moslembrüder bis aufs Messer bekämpfen.

Dass der Boykott überhaupt erwähnt und in einen Zusammenhang gesetzt wird, ist noch aus einem anderen Grund reichlich unverschämt. Beim letzten Verfassungsreferendum – noch unter Mursi und den Moslembrüdern – hatte die Wahlbeteiligung etwas über 30 Prozent betragen – und das ganz ohne Boykottaufruf der Islamisten.

Wie gesagt: Eigentlich ist es für eine genaue Bewertung der Abstimmung noch viel zu früh. Aber das einstige selbsternannte »Sturmgeschütz der Demokratie« scheint das demokratische Prozedere in Ägypten ziemlich respektlos und arrogant zu betrachten. Vielleicht findet das Hamburger Magazin ja auch irgendwann zu seriösem Qualitätsjournalismus zurück. Aber dieser Schnellschuss des »Sturmgeschützes« war ein krachender Rohrkrepierer für die Demokratie.

4 Gedanken zu „Genau das ärgert mich!

  1. Hallo, Danke für Deine aktuelle Meinungsäußerung zu der noch nicht beendeten Auszählung der Stimmen. Auch Deine Einschätzung zur Berichterstattung in den deutschen Medien ist – leidrr – richtig! Gut, dass wenigstens DU uns Lesern etway mdhr Ein-und Durchblick vermittelst.

  2. Leben Sie in Ägypten?! Wissen Sie überhaupt wie es in Ägypten geht?!! Woher kamen Sie auf die Idee und die Voraussetzung, dass die 55% Beteiligung echt ist?!

  3. Lieber Ahmed Elaroussi,
    Tatsächlich verbringe ich viel Zeit meines Lebens in Ägypten, wie ja auch aus meinem Buch „Koulou tamam, Ägypten?“ hervorgeht. Ich habe in dem aktuellen Blogbeitrag ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese 55 % Wahlbeteiligung sehr mit Vorsicht zu geniesen sind. Im übrigen nennt Spiegel-Online diese Zahl. Tatsächlich habe ich von Freunden aus Ägypten völlig unterschiedliche Zahlen erhalten, die zwischen 37,8 % und 80 % schwanken. Doch in dem Blogbeitrag geht es ja nicht in erster Linie um die Wahlbeteiligung, sondern wie die deutsche Presse mit Nachrichten aus Ägypten umgeht. Und das tut sie meiner meinung nach nicht gut.
    Mit den besten Grüße
    Peter S. Kaspar

  4. Hallo, auch ich verbringe, wie Sie viel Zeit in Ägypten und das schon mehrere Jahre. Ich war auch zur Revolution da und besuche das Land mehrmals jährlich. Sie leben wie ich in Deutschland und ich finde es nicht gut, wenn man sich hier über die schreibene Zunft in Deutschland aufregt. Es gibt sehr gute Reporter in Europa die für mich sehr objektiv berichten. In Ägypten wird in den Medien sehr viel manipuliert, manches kann ich belächeln, anderes ist schöngeredet. Fakt ist für MICH, dass das Land gespalten ist und auch ein Sissi es nicht richten wird. Ich glaube, er tut sich keinen Gefallen, mit dem was er vorhat. Im Land selbst habe ich sehr gegenteilige Aussagen von den Menschen dort erfahren und ich glaube, dass es noch eine lange Weile andauert, bis dieses Land zur Ruhe kommt.