Nimmt das kein Ende?

TAL DER KÖNIGE: mittags um drei, absolut menschenleer.   Foto: psk

TAL DER KÖNIGE: mittags um drei, absolut menschenleer. Foto: psk

Das ägyptische Fremdenverkehrsamt hatte deutsche Journalisten zu einer Pressereise eingeladen, in der Hoffnung jetzt auch mal wieder positive Schlagzeilen zu erzeugen. Am Mittwoch kam die Gruppe zurück, mit sehr unterschiedlichen Eindrücken. In der Tat ist es schon ziemlich erschütternd, vor einem völlig menschenleeren Tal der Könige zu stehen. Immerhin keimte Hoffnung auf in diesen Tagen. Die Reisewarnung war erheblich entschärft worden. Selbst Europas größter Reiseanbieter TUI hatte sich als letzter entschlossen, nun doch wieder Reisen nach Ägypten anzubieten. Und nun das: Über 50 Tote bei Straßenschlachten in Kairo und in anderen Städten.

Die Frage stellt sich automatisch: Warum gerade jetzt? Vorab: Mit der entschärften Reisewarnung und der möglichen Rückkehr der Touristen haben die Ausschreitungen gar nichts zu tun. Der 6. Oktober ist ein sehr symbolträchtiger Tag. Es ist der Nationalfeiertag, an dem des (vermeintlichen) Sieges über die Israelis gedacht wird. Der Ausbruch des Ramadan-Krieges (oder wie er bei uns heißt: Jom-Kippur-Krieg) jährte sich gestern zum 40. Mal. Es war völlig klar, dass die Moslembrüder an diesem Tag ihre Macht zeigen würden. Das Problem ist nur, dass sie nichts mehr zu zeigen haben. Wieder hatten sie von Millionen schwadroniert, die für Mursis Freilassung auf die Straße gehen würden. Ein paar wenige Tausend sind es geworden. Das hat im übrigen jetzt auch die ARD begriffen. Wenn es so wenig Demonstranten und vergleichsweise soviele Tote gab, liegt der Gedanke an brutale Polizeigewalt immer nahe. Doch hier gilt es eines zu bedenken. Die Moslembrüder haben sich in den letzten Monaten immer stärker auf ihren Gründer Hasan al-Bana besonnen, der seinen Anhängern ins Stammbuch schrieb, dass sie nicht so am Leben hängen, sondern lieber für Allah und den Islam sterben sollten. Seine Schrift: „Die Todesindustrie“ begründete den modernen islamistischen Terror. Wenn man in den letzten Wochen die Ansprachen der MB-Führer wie Mohammed Badi’e (der inzwischen im Knast sitzt) gehört hat, dann war es genau die Sprache Hasan al Banas. Die, die jetzt noch den Aufrufen zu Demonstrationen der Moslembrüder folgen, sind nun wirklich der harte Kern, die an alles glauben, auch daran, dass es ganz besonders ehrenvoll ist, auf dem Pflaster von Kairo in seinem Blut für Mursi zu verrecken. Wenn die Moslembrüder überhaupt noch über so etwas wie Macht verfügen, dann ist es das Body-Counting nach den Demonstrationen.

Heute morgen haben die MB schrill eine internationale Untersuchung der Straßenschlachten gefordert. Nehmen wir mal an, die momentane Regierung würde sagen: Ja, tolle Idee, das machen wir. Was würde dann passieren? Die Moslembrüder würden sofort krakelen, dass dies eine unerhörte Einmischung in innere Angelegenheiten sei und dass die Regierung das Land an ausländische Agenten verkauft habe. Es folgten wieder blutige Ausschreitungen.

Es gibt noch immer Menschen, auch und gerade in Deutschland, die es für eine schreiende demokratische Ungerechtigkeit halten, dass den Moslembrüdern mit Gewalt die Macht entrissen wurde. Nun ja, in Deutschland werden die Moslembrüder auch nicht gerade als lupenreine Demokraten betrachtet. 1.800 zählte man in Deutschland 2005. Und deren Gedankengut sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, sagt der Verfassungsschutz.

Dass die Moslembrüder in Ägypten als Organisation verboten worden sind, ist letztlich nur folgerichtig. Jede Gruppierung die in Deutschland solche Hetze betreibt, wird ebenfalls ganz schnell verboten. Im übrigen: Die Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“, also die Partei der Moslembrüder, ist nach wie vor erlaubt. Sie wird mit Sicherheit auch bei den Parlamentswahlen im kommenden Jahr antreten und vermutlich sogar zwischen zehn und 20 Prozent der Stimmen einsammeln.

Trotzdem sollte der Spuk mit den Moslembrüdern jetzt bald vorbei sein. Spätestens nach der Besetzung der Moschee am Ramsesplatz, als Bewaffnete von den Minaretten wahllos in die Mensche schossen, haben die Brüder auch enorm viel Sympathien bei ihren konservativen Anhängern in Oberägypten verloren. So etwas tut ein anständiger Moslem nicht.

Die Unruhen und die Toten von gestern werden nicht die letzten gewesen sein. Doch es werden immer weniger werden. Ägypten wird zur Ruhe kommen, die das Land jetzt so dringend zum Neuanfang braucht. Mancher fürchtet nun eine Militärdiktatur. Tatsächlich gibt es Anzeichen, die nichts Gutes verheißen, andererseits macht die jetztige Regierung auch sehr viel richtig. Dass die Verfassungsgebende Versammlung nun ihr Werk vor den Parlamentswahlen beendet und es eine Verfassung vor dem Urnengang geben soll, ist sicher sehr vernünftig. Der Weg zur Demokratie ist sicher noch lang und steinig, aber zumindest scheint die Richtung jetzt erst einmal zu stimmen.

Doch auch, wenn die Pessimisten Recht behalten sollten und Ägypten zu einer Militärdiktatur werden sollte, dann dürfte die, aufgrund der im Grunde zivilen Struktur der Armee, eher milde als brutal ausfallen. Jedenfalls wäre sie das deutlich kleinere Übel, als ein faschistoider Staat, den die Moslembrüder im Begriff waren zu errichten.

9 Gedanken zu „Nimmt das kein Ende?

  1. Hallo, Peter – Dein aktueller Beitrag trifft genau des Pudels Kern – viele Leser oder Zuschauer – können die Spreu nicht vom Weizen unterscheiden. Deshalb werden „Desaster-Infos“ aus Ägypten, resp. aus Kairo oder Großstädten, grundsätzlich auf die Gesamtfläche Ägyptens verteilt. So einfach ist diese Sichtweise natürlich hübsch einfach….. nur die Realität bringt es nicht an den Tag. Danke für Klarstellung.

  2. Hallo Peter, mal wieder eine sehr gute Analyse der aktuellen Situation von dir! Chapeau! 😉

    Eigentlich Schade das du nicht für grössere Blätter schreibst den deine Kenntnisse über Ägypten, Land und Leute sind überdurchschnittlich hoch und sollten darum einer breiteren Masse zugänglich gemacht werden! Viele deiner Kollegen kann man dagegen nur als „Schreiberlinge“ abtun. Echt Schade!

  3. hallo peter

    exellenter artikel, den ma eigendlich sehr selten in deutsprachigen medien findet.

    vielleicht sollte man zum verstendniss der demokratischen prozesse die sich gerade in aegypten etablieren, analog den deutschen prozess mit schildern.

    demokratie hat in deutschlend mitte des 19 jahrhundert angefangen, und wurde erst vollkommen als die deutsche wiedervereinigung zustande kam.

    die mb’s waren die andere seite des regimes, gegen die die revolution vom 25 januar ausbrach.

    der sturtz der mb’s im july 2013 ist nicht weiteres als der sturtz des gesammten alten regimes.

    gruss aus kairo

    ahmed sedky

  4. Lieber Peter,
    Meine Hochachtung zu deinem Beitrag. Ich lebe hier in Ägypten und bin absolut deiner Meinung. Leider teilen nicht viele unsere Meinung, weil sie von vielen Medien an der Nase herumgeführt werden, welche keine Schreiber haben die aus eigener Erfahrung und Kenntnis schreiben, sondern viele von ihnen einfach Beiträge Ägyptischer Zeitungen einfach 1:1 übersetzten und nicht einmal beachteten, dass viele Zeitungen hier von den MB finanziert wurden oder auch noch werden. Klarer Weise war hier die Perspektive seeeehr einseitig und rückte die Opposition und Armee ins falsche Licht.
    Gerade heute wieder fand ich unsinnige Beiträge in FB und Twitter. Unwissende verurteilen wieder einmal die Armee, obwohl die in meinen Augen viel zu vorsichtig und zimperlich reagieren. Wenn in Europa, egal in welchem Land, eine Organisation wie die MB mit Panzerfäusten Attacken starten, möchte ich Frau Merkel und Kosorten schon erleben. Wie würden die reagieren? Danke und Amen sagen? Und hier wird wegen rund 50 toten Extremisten wieder einmal die Armee verurteilt?
    Ganz klar ein jeder tote Mensch ist einer zu viel, jedoch wenn die keine andere Sprache verstehen und immer wieder gegen einen übermächtigen Gegner antreten, müssen die MB mit derartigen Verlusten und Opfern rechnen. Aber wie du ja richtig bemerkt hast, gehen sie ja für den Mertyrertod auf die Strassen!
    Wir hoffen alle dass sich alles zu gutem wendet! Aber wie viele,viele andere vermute ich hier viel, viel grössere Mächte im Hintergrund, welche die echten Strippen ziehen und die politische Situation in Ägypten heraufbeschworen haben. Ich vermute das die USA und Israel hier viel tiefer die Hand im Spiel hat als die meisten angenommen haben und dass die USA hier viel mehr aggiert hat als nur der Moralapostel vor ein paar Monaten!

    Wir beten für Ägypten u d ich bin sicher die Ägypter werden den richtigen Weg finden.
    Danke für deinen Artikel
    Herzliche Grüsse aud Hurghada, Bob

  5. Welch ein treffener Kommentar. Danke dafür. Ich habe die letzten Jahre das Land viel bereist und man konnte den Fortschritt sehen. Nur einzelne Chaoten und Fundamentale Idioten wollen das Land zerstreiten. Ich hoffe und wünsche dem Volk ein friedliches Ende mit dem Terror. Im Januar werde ich das Land wieder bereisen. Euer Uffi aus Kulmbach- Deutschland.

  6. Hallo, Bob –
    habe interessiert auch Deinen Kommentar gelesen. DU vertrittst DAS, was ich oben dazu bereits hinterlassen habe. Mal sehen, was sich aus eigener Anschauung ergeben wird, wenn ich nach HRG fliege. Vielleicht sehen wir uns – wie im August mit Andy und Dir kurz bei Cello….

  7. ^habe den artikel gelesen und finde es beruhigend dass es doch noch leute gibt die an das gute glauben. ich im übrigen auch so ein schönes land mit diesem klima darf nicht untergehen . wir leben acht jahre schon hier und es gefällt uns gut .hoffe dass die touristen bald wieder kommenn wenn natürlich solche negative schlagzeilen in den zeitungen und tv kommen dann ist es das aus füe ägypten am besten vor ort informieren die ägypter sind u ns dankbar wo scheint so schön die sonne ? UND DAS KLIMA WER EINMAL HIER WAR KOMMT DOCH IMMER ODER ?

  8. Hallo Peter,

    ein sehr analytisch – treffender Artikel. Da ich selbst ein Teilnehmer dieser kürzlich stattgefundenen Reise war, kann ich die neutrale Ansicht meines Kollegen nur konstatieren. Etliche Gespräche mit den Einheimischen und deutschen Residents vermittelten einen zusätzlichen Horizont der Wahrheit und einen Aufschrei zur authentischen Aufklärung. Zumindest wie es zwischen den Zeilen “ journalistischer Dekadenz “ herauskristallisiert wird. Es ist nach wie vor ein Sales Product. Das sich negative Letter erfolgreicher verkaufen als die eigendlichen Botschaften der Wirklichkeitsnähe.

    • Habe leider vor 15 Jahren den Terror selber erlebt und auch darunter gelitten! Als in Luxor die 68 Menschen(Ausländer) abgeschlachtet wurden, habe ich im Sinai ein Restaurant gehabt und selbst nach 2 Jahren kamen immer noch keine Touristen und ich musste mit viel Verlust Aufgeben. Ich fühle mit den Menschen in Ägypten! Wann hört das endlich auf und die Menschen können ein „Normales“ Leben führen.