{"id":94,"date":"2012-01-07T12:15:22","date_gmt":"2012-01-07T11:15:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=94"},"modified":"2012-01-07T12:15:22","modified_gmt":"2012-01-07T11:15:22","slug":"sie-wollen-nur-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2012\/01\/07\/sie-wollen-nur-spielen\/","title":{"rendered":"Sie wollen nur spielen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_98\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/ultras.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98\" class=\"size-medium wp-image-98\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/ultras-300x185.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"185\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-98\" class=\"wp-caption-text\">Ultras gibt es nicht nur in der deutschen Bundesliga, sondern auch in der ersten \u00c4gyptischen Liga.<\/p><\/div>\n<p>So also sieht Revolution aus. Wer nie eine mit erlebt hat, geht davon aus, dass sich 24 Stunden am Tag kreischende Menschenmassen durch die Stra\u00dfen bewegen, mit Transparenten fuchteln, Mollis werfen, Barrikaden bauen und manchmal einen K\u00f6nig k\u00f6pfen. Ich f\u00fcr meine Person erlebe zum ersten Mal eine Revolution mit. Nun muss ich feststellen, dass ich so manchem Irrtum unterlegen bin. So ging ich f\u00e4lschlicherweise davon aus, dass es in \u00c4gypten zwei Revolutionen gab, die im Januar und Februar und dann noch eine im November und Dezember. So wurde es auch etwa von den deutschen Medien dargestellt. Das ist falsch. Die Revolution vom Januar hat nie aufgeh\u00f6rt. Ich dachte auch, dass ich in Hurghada einigerma\u00dfen weitab vom Schuss sei. Auch das hat nicht gestimmt. Revolution sieht n\u00e4mlich ganz anders aus. Wer tags\u00fcber am Strand liegt oder mit dem Boot hinaus zu den Inseln f\u00e4hrt, der bekommt in der Tat nicht besonders viel mit. Doch wer  mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt geht, sp\u00fcrt den Unterschied. Die Aggressivit\u00e4t unter den \u00c4gypter ist viel gr\u00f6\u00dfer geworden. Jahrelang hatten Polizei und Milit\u00e4r den Daumen drauf. Die Polizei war verhasst, das Milit\u00e4r beliebt. Vor beiden Uniformen hatte man aber einen Mordsrespekt. Das ist vorbei. Andererseits ist die Polizei, die fr\u00fcher sehr willk\u00fcrlich agiert hat, nun nahezu \u00fcberkorrekt, was sich darin zeigt, dass nun \u00fcberall und immer alles m\u00f6gliche kontrolliert wird \u2013 was die Touristen allerdings kaum tangiert.<\/p>\n<p>Im Zweifelsfall macht jeder \u00c4gypter an jeder Stra\u00dfenecke seinen eigenen Tahir-Platz auf. Beim Fu\u00dfballspiel in El Gouna erlebte ich ein ziemlich bizarres Beispiel. Der Block mit den vielleicht 100 Fans von El Masri war schwer von Polizei bewacht. Kurz vor Ende st\u00fcrmten die El-Masri-Ultras (so nennen die sich wirklich) den Nachbarblock. Nur \u2013 der war leer. Der n\u00e4chste El Gouna-Fan befand ich auf der Gegenseite. Die Sicherheitskr\u00e4fte kamen gerannt, es wurde gebr\u00fcllt und dann marschierten die Fans wieder zur\u00fcck in ihren Block und fanden es lustig, dass die armen Teufel in Uniform und Schild und Helm so richtig rennen mussten. Ein paar Minuten sp\u00e4ter fingen El-Gouna-Anh\u00e4nger an, sich untereinander zu pr\u00fcgeln. Dann gab es Elfmeter f\u00fcr El Gouna und die Pr\u00fcgelei war schlagartig vorbei. Seit der Revolution sei die Zahl der Spielabbr\u00fcche in der ersten \u00e4gyptischen Liga sprunghaft gestiegen, erz\u00e4hlte mir Samih Sawiris.<\/p>\n<p>Seit inzwischen vier Tagen warte ich auf einen Interviewpartner, der aus Mansura im Norden \u00c4gyptens nach Hurghada kommen soll. Leider kam er nicht aus der Stadt heraus, weil Demonstranten die Ausfallstra\u00dfen blockierten. Sie sind vom Wahlausgang in ihrer Stadt entt\u00e4uscht. Selbst, wenn er gestern h\u00e4tte fahren k\u00f6nnen: Bis nach Hurghada w\u00e4re er nicht gekommen. Bei Ras Gharib war die K\u00fcstenstra\u00dfe ebenfalls zu. Dort gab es eine gro\u00dfe Demo gegen die \u00d6lindustrie am Ort. Dort sa\u00dfen dann einige Busse voller Touristen fest, die von Kairo nach Hurghada wollten.<\/p>\n<p>Dass das Internet seit Tagen nur bruchst\u00fcckhaft funktioniert, ist wohl auch eine Folge der Revolution. So etwas kann zwar in \u00c4gypten immer wieder passieren \u2013 aber nicht tagelang. Es k\u00fcmmert sich eben keiner richtig darum.<\/p>\n<p>Revolution bringt immer ein St\u00fcck Anarchie mit sich. So gesehen l\u00e4uft es hier ja noch pr\u00e4chtig. Aber wer sie besichtigen will, der kann die Anarchie in \u00c4gypten in bestimmten Bereichen erleben. Es ist nun allerdings nicht so, dass hier das gesamte \u00f6ffentliche Leben mit einem gro\u00dfen Seufzer in sich zusammenbricht. Das meiste l\u00e4uft wie eh und je, aber nicht immer so glatt, wie in den vergangen Jahren (in denen es nat\u00fcrlich auch in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden gewisse Aussetzer gegeben hat).<\/p>\n<p>Ob ich Angst habe? Nee, zu Touristen sind die \u00c4gypter nach wie vor nett. Als mich gestern ein Taxifahrer beschummeln wollte und ich mich lautstark zu Wehr setzte, standen sofort vier da, um mir zu helfen. Auch das ist \u00c4gypten. Die Revolution ist nicht nur der Tahir. Es ist spannend zu erleben, wie sie sich im Alltag auswirkt. Manchmal scheint es so, als ob die \u00c4gypter daran sogar richtig Spa\u00df haben. Aber sie wollen dann nur spielen \u2013 so meint es mancher Europ\u00e4er wenigstens. Ein bisschen ist da ja auch was dran. 30 Jahre lang war die Meinungsfreiheit in \u00c4gypten \u2013 die auch unter Sadat nicht grenzenlos war \u2013 sehr eingeschr\u00e4nkt. Nun macht jeder, egal ob er f\u00fcr oder gegen Mubarak war, ausgiebig von dem Gebrauch, was er Meinungsfreiheit nennt. Dann wird es auch mal laut, oder es fliegen die F\u00e4uste. Es ist nichts anderes, als der ber\u00fchmte Dampf, der aus dem Kessel raus muss. F\u00fcr den Reisenden ist es faszinierend, f\u00fcr die Menschen die hier leben \u2013 soweit sie Ausl\u00e4nder sind \u2013 l\u00e4stig bis be\u00e4ngstigend. Aber ich glaube, es sind Begleiterscheinungen einer jeden Revolution. Sie werden in dem Moment verschwinden, in dem es wieder eine handlungsf\u00e4hige, stabile Regierung gibt \u2013 egal welcher Couleur. Au\u00dferdem: wir in Europa fanden die Arabellion doch alle ganz toll \u2013 schon vergessen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So also sieht Revolution aus. 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