{"id":766,"date":"2014-06-27T16:45:30","date_gmt":"2014-06-27T14:45:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=766"},"modified":"2014-06-27T16:45:30","modified_gmt":"2014-06-27T14:45:30","slug":"ein-blick-in-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2014\/06\/27\/ein-blick-in-die-zukunft\/","title":{"rendered":"Ein Blick in die Zukunft?"},"content":{"rendered":"<p>Zweieinhalb Wochen dauerte meine Juni-Reise nach \u00c4gypten. El Qesir, Sagafa und Hurghada waren die Stationen. Und ich erlebte Erstaunliches. Vorab zun\u00e4chst das Fazit: Die Stimmung hat sich deutlich verbessert. Vor allem im S\u00fcden sind manche Hotels schon fast wieder voll. Dass auch wieder G\u00e4ste ins Land kommen, die \u00c4gypten zum ersten Mal besuchen, sp\u00fcren unter anderem die Tauchbasen. Sie verzeichenen einen deutlichen Anstieg von Kursen, ein wichtiges Gesch\u00e4ft, das in den letzten Monaten praktisch komplett weggebrochen ist.<\/p>\n<p>Und die \u00c4gypter? Viele von ihnen entwickeln offensichtlich einen wahren Bekennerdrang, sich zur politischen Lage zu \u00e4u\u00dfern. Ich bin noch nie so oft von \u00c4gyptern ungefragt in politische Diskussionen verstrickt worden. War bislang die am h\u00e4ufigsten gestellte Frage in einem Taxi \u201eWhere do you come from?\u201c wurde ich dieses Mal von der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der Fahrer mit der Frage konfroniert, was ich von Pr\u00e4sident Sisi halte. Ich antwortete stets ausweichend: Ich wisse es nicht so genau, ich h\u00e4tte ihn ja noch nie reden h\u00f6ren oder bei \u00f6ffentlichen Auftritten gesehen. Und das war dann der Startschuss zu ausschweifenden Lobeshymnen.<\/p>\n<p>Zwei Dinge scheinen die \u00c4gypter ganz besonders zu freuen: Er hat alle Staatsbediensteten dazu verdonnert, morgens um sieben an ihren Schreibtischen zu sitzen. Und dann findet er, dass seine Landsleute mehr Radfahren sollten und hat sie zu einer gemeinsamen Radtour eingeladen. Oder die Geschichte mit dem subventionierten Essen f\u00fcr die Armen. Zum ersten Mal wird da der Speiseplan um Fleisch bereichert. Das kommt bei den \u00fcberwiegend frommen \u00c4gyptern gut an. Die frommen Moslembr\u00fcder kamen nicht auf diese Idee. Au\u00dferdem hat er versprochen mehr Strom zu produzieren. Das scheint dringend n\u00f6tig. Gestern fiel w\u00e4hrend meiner Wartezeit auf dem Flughafen gleich drei Mal der Strom aus.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt dorthin dachte ich schon, ich h\u00e4tte endlich den ersten Sisi-Kritiker am Steuer. Der junge Mann mit den tiefen Ringen unter den Augen sah ganz melancholisch aus. In der Schlange vor dem Kassenh\u00e4uschen an der Flughafenzufahrt begann er pl\u00f6tzlich auf die Regierung zu schimpfen. Ich fragte z\u00f6gernd, ob er damit die Stadt, die Region oder das Land allgemein meine. Nein, alle, alle seien sie ganz schrecklich. \u201eAber mit Pr\u00e4sident Sisi wird das jetzt alles anders.\u201c<\/p>\n<p>Das ist nun die eine Seite, die andere ist die mehr als bedauerliche Tatsache, dass w\u00e4hrend meines Aufenthaltes einige <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/aegypten-veruteilt-al-jazeera-reporter-a-976920.html\" target=\"_blank\">Journalisten von Al-Dschasira<\/a> zu ganz drakonischen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie hat das alles wenig zu tun. Doch es scheint so, dass der \u00fcberwiegende Teil der \u00c4gypter diese Urteile ganz okay findet \u2013 wie im \u00fcbrigen auch die Todesurteile von El Minja. Und genau da tut sich eine Diskrepanz auf, die jeden aufrechten Demokraten sehr schmerzen muss.<\/p>\n<p>Die Parlamentswahlen von 2012 ergaben bei einer Wahlbeteiligung von weit unter 50 Prozent eine Mehrheit von rund 70 Prozent f\u00fcr islamistische Parteien. Hinzu kamen 10 Prozent f\u00fcr koptische Parteien. Das hei\u00dft, 80 Prozent der \u00c4gypter haben damals religi\u00f6s motiviert abgestimmt. 20 Prozent gingen an s\u00e4kulare, demokratische Parteien. Setzt man diese Zahl noch mit Nichtw\u00e4hlern in Bezug, dann kann sich die Demokratie, oder das, was wir im Westen daf\u00fcr halten, gerade mal auf zehn Prozent der wahlberechtrigten \u00c4gypter st\u00fctzen. Nun ist ja eine Demokratie letztlich auch nur eine Diktatur \u2013 eine Diktatur, in der die Mehrheit bestimmt, wo es lang geht. Das, was wir als freiheitlich und rechtsstaatlich verstehen, ist ja nur der Versuch, diese Diktatur der Majorit\u00e4t durch Konsensentscheidungen und Minderheitenschutz ein wenig humaner zu gestalten.<\/p>\n<div id=\"attachment_767\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Apotheke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-767\" class=\"size-medium wp-image-767\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Apotheke-300x228.jpg\" alt=\"Pr\u00e4sident Abdel Fatah al-Sisi: Ist er die Medizin, die \u00c4gypten jetzt braucht? Viele seiner Landsleute sind davon \u00fcberzeugt. Foto: psk\" width=\"300\" height=\"228\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-767\" class=\"wp-caption-text\">Pr\u00e4sident Abdel Fatah al-Sisi: Ist er die Medizin, die \u00c4gypten jetzt braucht? Viele seiner Landsleute sind davon \u00fcberzeugt. Foto: psk<\/p><\/div>\n<p>Zu Freiheit und Demokratie geh\u00f6rt zwangsl\u00e4ufig eine freie Presse. Nun haben es die \u00c4gypter ja mit der Demokratie versucht, mit dem Resultat, dass dabei ein Regime herauskam, das im Begriff war, einen islamofaschistoiden Staat zu errichten. Dass die freie Presse nach dem grandiosen Scheitern Mursis auch noch besserwisserisch kommentierte, sie h\u00e4tten doch diesen Mursi selbst gew\u00e4hlt und m\u00fcssten ihn nun mal ertragen, hat so manche \u00c4gypter verbittert. Wie so vieles, was dieser Tage vor \u00e4gyptischen Gerichten passiert, hat auch dieses Urteil eher symbolischen als juristischen Charakter (ich glaube weder, dass die Reporter sieben Jahre im Knast bleiben, noch dass die Todesurteile vollstreckt werden). Es ist ein Ausdruck daf\u00fcr, dass sich \u00c4gypten von ausl\u00e4ndischen Medien missverstanden und ungerecht behandelt f\u00fchlt. Da war das \u201eCNN des Ostens\u201c das ideale Objekt um, ein Exempel zu statuieren. Doch so manche Tr\u00e4nen, die westliche Journalisten um ihre Kollegen von Al Dschasira vergie\u00dfen, sind bestenfalls Krokodilstr\u00e4nen. Nach meinem Daf\u00fcrhalten wird \u00fcber \u00c4gypten in allen wichtigen Medien seit \u00fcber einem jahr nicht mehr fair berichtet. B\u00fc\u00dfen mussten das jetzt die Al-Dschasira-Leute mit absolut inakzeptablen Strafen.<\/p>\n<p>Letzte Woche war ich in einer Strandbar in Sekalla, wo kaum Touristen hinkommen. Da kommen etwa 15 Teenager herein, alle zwischen 12 und 18, um einen Geburtstag zu feiern, die H\u00e4lfte Jungs, die H\u00e4lfte M\u00e4dchen. Keine von ihnen trug ein Kopftuch oder gar einen Schleier, daf\u00fcr die meisten eher knappe R\u00f6cke. Ein DJ legte Techno-Mucke auf und die Kids hatten offenbar einen Riesenspa\u00df. Irgendwann kam die mutma\u00dfliche Mutter. Smaragdgr\u00fcnes Gewand, der passende Schleier und sie strahlte wie ein Sonnenschein.<\/p>\n<p>Vor einem Jahr w\u00e4re das \u2013 selbst in Hurghada \u2013 undenkbar gewesen. Da h\u00e4tten die \u2013 frei gew\u00e4hlten(!) \u2013 fusselb\u00e4rtigen Tugendw\u00e4chter von \u201eFreiheit und Gerechtigkeit\u201c oder \u201eEl Nur\u201c schon vor der Bar gewartet und den Jugendlichen mal so eine richtige Abreibung verpasst.<\/p>\n<p>So, liebe Freunde, jetzt gewinnt mal diese Jungs und M\u00e4dels f\u00fcr die Demokratie zur\u00fcck. Aber wenn dieses kleine Geburtstagsfest ein Blick in \u00c4gyptens Zukunft war, dann ist sie vielleicht unbeschwerter, als wir das alle heute noch ahnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweieinhalb Wochen dauerte meine Juni-Reise nach \u00c4gypten. El Qesir, Sagafa und Hurghada waren die Stationen. Und ich erlebte Erstaunliches. Vorab zun\u00e4chst das Fazit: Die Stimmung hat sich deutlich verbessert. 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