{"id":635,"date":"2013-10-10T14:01:11","date_gmt":"2013-10-10T12:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=635"},"modified":"2013-10-10T14:01:11","modified_gmt":"2013-10-10T12:01:11","slug":"die-maer-vom-militaerputsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2013\/10\/10\/die-maer-vom-militaerputsch\/","title":{"rendered":"Die M\u00e4r vom Milit\u00e4rputsch"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein faszinierender Abend in der Berliner Urania. Eingeladen hatte der \u00e4gyptische Botschafter Mohamed Hagazy zu einem Konzert des <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/world-middle-east-20008432\" target=\"_blank\">Light-and-Hope-Orchestra<\/a>. Das besondere an diesem Symphonieorchester ist: Es besteht aus 50 blinden Frauen aus \u00c4gypten. Ohne Notenbl\u00e4tter und ohne einen Dirigenten am Pult ein zweist\u00fcndiges Konzert zu geben, ist schon eine ganz erstaunliche Sache.<\/p>\n<div id=\"attachment_637\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Light-and-Hope.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-637\" class=\"size-medium wp-image-637\" alt=\"Das Light-and-Hope-Orchestra in der Berliner Urania. 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Foto: psk<\/p><\/div>\n<p>Es h\u00e4tte eine dieser positiven Nachrichten sein k\u00f6nnen, die \u00c4gypten so dringend braucht. Doch nat\u00fcrlich wurde auch an jenem Abend vor der Urania von einer Handvoll Demonstranten gegen den vorgeblichen Milit\u00e4rputsch protestiert. Einer hatte es auch in den Saal geschafft, und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er das wunderbare Konzert nicht gest\u00f6rt hat. Nach dem frenetischen Applaus und den Standing Ovations schaffte es der Demonstrant auf die B\u00fchne \u2013 und bedankte sich zun\u00e4chst sehr lautstark f\u00fcr das sch\u00f6ne Konzert, lobte \u00c4gypten. Da schallte ihm noch ein vielstimmiges, wenn auch leicht verwirrtes \u201eShukran\u201c entgegen. Als er aber dann auf die 50 Toten vom Vortag zu sprechen kam, wurde er fix von der B\u00fchne entfernt. Botschafter Hagazy rettete die Situation und den Abend kurzerhand damit, dass er ein \u00e4gyptisches Volkslied anstimmte, das der ganze Saal begeistert mitsang.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re es doch, wenn das ganze Land seine Proteste, seine Probleme und seine Gewalt einfach wegsingen k\u00f6nnte. Mich pers\u00f6nlich w\u00fcrden die Proteste der verbliebenen Moslembr\u00fcder weit mehr \u00fcberzeugen, wenn sie statt Knarren Blumen in der Hand h\u00e4tten. Soll jetzt niemand sagen, dass sie sich damit nicht gegen Polizei oder Milit\u00e4r wehren k\u00f6nnten. Wenn sie n\u00e4mlich sowieso f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung sterben wollen, ist es doch letztlich v\u00f6llig egal, was sie in der Hand haben. Und Gewaltlosigkeit war am Ende dort allemal erfolgreicher, wo Jahrzehnte des Blutvergie\u00dfens nichts gebracht hatten \u2013 siehe Indien.<\/p>\n<p>Doch so lange die M\u00e4r vom Milit\u00e4rputsch weiter Verbreitung findet, so lange wird das wohl auch nichts mit der Gewaltlosigkeit. Mit dem Verweis auf den Milit\u00e4rputsch rechtfertigen die Moslembr\u00fcder ja ihrerseits ihre Gewalt. Doch jeder der dieses Wort vom Milit\u00e4rputsch so locker im Munde f\u00fchrt \u2013 und das sind l\u00e4ngst nicht nur Moslembr\u00fcder \u2013 hat bislang offensichtlich einen v\u00f6lligen Widerspruch in der j\u00fcngsten \u00c4gyptischen Geschichte gar nicht auf dem Schirm. Wenn das n\u00e4mlich ein Putsch war, was war dann die glorreiche Revolution von 2011? Vergleichen wir mal beide Ereignisse:<\/p>\n<p>2011 begannen die Proteste am 25. Februar. Das Milit\u00e4r verhielt sich zun\u00e4chst neutral. Am 11. Februar wurde Hosni Mubarak von den Milit\u00e4rs zum R\u00fccktritt gezwungen, die anschlie\u00dfend die Macht in Form des SCAF, des obersten Milit\u00e4rrats, \u00fcbernahmen. Sie gaben sie anderthalb Jahre auch nicht wieder her.<\/p>\n<p>2013 begannen die Proteste am 30. Juni. Die offensichtliche Mehrheit des Volkes forderte Neuwahlen. Das Milit\u00e4r verhielt sich nicht neutral, schloss sich den Forderungen an. Mursi fl\u00fcchtete sich in eine Kaserne (er wurde nicht mal irgendwo festgenommen) und wurde dort festgehalten. Der Oberbefehlshaber beruft einen runden Tisch ein und bestimmt den obersten Richter Adli Mansur, einen Zivilisten, zum neuen Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Wenn man beide Sachverhalte miteinander vergleicht, was war dann wohl eher ein Milit\u00e4rputsch? Nach der Ereignissen von 2011 wurden die \u00c4gypter von der ganzen demokratischen Welt gelobt, 2013 von den gleichen Leuten kritisiert. Mir erscheint das ein wenig absurd. Mit Sicherheit gibt es einiges, was am \u00c4gyptischen Milit\u00e4r zu kritisieren ist \u2013 vor allem, dass es nicht kritisiert werden darf. Aber eines ist auch klar: \u00c4gypten ist nicht Argentinien oder Chile. Die Bedeutung und die Stellung des Milit\u00e4rs in der Gesellschaft ist eine ganz andere, als in anderen L\u00e4ndern. Ich versuchte das schon einmal in den  Blogbeitr\u00e4gen  <a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2013\/08\/20\/die-macht-der-generale\/\" target=\"_blank\">\u201eDie Macht der Generale\u201c<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2013\/07\/05\/armee-in-der-falle\/\" target=\"_blank\">\u201eArmee in der Falle\u201c<\/a> zu beschreiben.<\/p>\n<p>So lange die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung hinter dem Milit\u00e4r steht, haben die demokratischen Kritiker im Grunde auch schlechte Karten. Aber wie schnell sich Mehrheiten \u00e4ndern k\u00f6nnen, hat man gerade in \u00c4gypten besichtigen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein faszinierender Abend in der Berliner Urania. Eingeladen hatte der \u00e4gyptische Botschafter Mohamed Hagazy zu einem Konzert des Light-and-Hope-Orchestra. Das besondere an diesem Symphonieorchester ist: Es besteht aus 50 blinden Frauen aus \u00c4gypten. 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