{"id":615,"date":"2013-08-23T14:36:30","date_gmt":"2013-08-23T12:36:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=615"},"modified":"2013-08-23T14:36:30","modified_gmt":"2013-08-23T12:36:30","slug":"gruppenbild-mit-mumie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2013\/08\/23\/gruppenbild-mit-mumie\/","title":{"rendered":"Gruppenbild mit Mumie"},"content":{"rendered":"<p>Aus gegebenem Anlass gibt es hier an dieser Stelle zur Abwechslung einmal eine Fernsehkritik. Am Donnerstag war Mazen Okasha, der auch in <a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/programm\/edition-aegypten\/koulou-tamam-aegypten\/\" target=\"_blank\">Koulou Tamam, \u00c4gypten?<\/a> eine durchaus wichtige Rolle spielt, <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/#\/beitrag\/video\/1969474\" target=\"_blank\">zu Gast bei Maybrit Illner<\/a>. Der Mitbegr\u00fcnder der \u00e4gyptischen Sozialdemokraten und Chef der Fremdenf\u00fchrergewerkschaft am Roten Meer hatte schon drei Tage zuvor bei einem <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFmediathek\/#\/beitrag\/video\/1966582\" target=\"_blank\">Interview im Morgenmagazin des ZDF<\/a> daheim in \u00c4gypten f\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen gesorgt, als er pers\u00f6nlich von Reisen ans Rote Meer abriet und im \u00fcbrigen der derzeitigen Regierung jegliche Legitimation absprach.<\/p>\n<div id=\"attachment_616\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-616\" class=\"size-medium wp-image-616\" alt=\"\u00c4gypten-Talk im ZDF: (v.l.n.r.) Philipp Mi\u00dffelder, Peter Scholl-Latour, Maybritt Illner, Hamed Abdel-Samad, Luban Azzam, Mazan Okasha\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner-300x169.jpg\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner-1024x578.jpg 1024w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner-150x85.jpg 150w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner-225x127.jpg 225w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner-500x282.jpg 500w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Illner.jpg 1255w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-616\" class=\"wp-caption-text\">\u00c4gypten-Talk im ZDF: (v.l.n.r.) Philipp Mi\u00dffelder, Peter Scholl-Latour, Maybritt Illner, Hamed Abdel-Samad, Luban Azzam, Mazan Okasha<\/p><\/div>\n<p>Was in \u00c4gypten momentan wohl allenfalls als Minderheitenvotum gilt, war bei Maybrit Illner dagegen die Mehrheitsmeinung. Neben Mazen Okasha sa\u00dfen die Politologin Lubna Azzam, der CDU Politiker Philipp Mi\u00dffelder, der Autor und Journalist Hamed Abdel-Samad und der wohl unvermeidliche Peter Scholl-Latour. Einzig Abdel-Samad vertrat offensiv das, was in \u00c4gypten derzeit wohl die Mehrheit des Volkes glaubt. Bei der Anmoderation schien es so, als sei ausgerechnet Philipp &#8222;H\u00fcftgelenk&#8220; Mi\u00dffelder dem Journalisten noch an die Seite gestellt worden, damit er seine Position nicht so ganz alleine vertreten muss. Doch der ehemalige Vorsitzende der Jungen Union, der seit seiner Forderung, \u00e4lteren Menschen keine k\u00fcnstlichen H\u00fcfgelenke mehr einzusetzen, als das Paradebeispiel des kaltherzigen Politikers gilt, hatte so gut wie gar nichts Substanzielles zur Diskussion beizutragen \u2013 au\u00dfer vielleicht, dass er pers\u00f6nlich Mohammed Mursi offenbar f\u00fcr ein Brechmittel h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Am erstaunlichsten schien dann doch Peter Scholl-Latour, die Edelmumie deutscher Talkshows. Seine Auftritte werden von mal zu mal bizarrer. Ich selbst habe von Scholl-Latour in meiner Jugend viel gelernt. Er hat mir den Vietnamkrieg erkl\u00e4rt und auch das Interesse f\u00fcr die islamische Welt geweckt. Und jener Peter Scholl-Latour hat die Stirn zu behaupten, dass die Moslembr\u00fcder nichts mit der Gamaa al Islamiyya oder mit dem Dschihad zu tun haben. War es nicht eben jener Scholl-Latour, der als einer der ersten im Westen erkl\u00e4rte, wer Hassan al Bana, der Begr\u00fcnder der Moslembr\u00fcder, war? Und war es nicht die M\u00e4rtyrer-Logik des Hassan al Bana, die den Weg zum islamistischen Terror ebnete? Und sind es nicht die Moslembr\u00fcder, die sich jetzt genau wieder dieser M\u00e4rtyrer-Rhetorik bedienen? F\u00fcr einen, wie Hamed Abdel-Samad muss dieser Abend nur sehr schwer ertr\u00e4glich gewesen sein. Immerhin hat es gegen ihn am 5. Juni einen Mordaufruf gegeben \u2013 von Anh\u00e4ngern des inzwischen gest\u00fcrztem Pr\u00e4sidenten Mursi. Der hatte sich nie von dem Mordaufruf distanziert. Dieser Umstand wurde an jenem Abend, an dem es soviel um Freiheit und Demokratie ging, mit keinem Wort erw\u00e4hnt. Auch nicht von der Moderatorin Maybrit Illner.<\/p>\n<p>Als sich Scholl-Latour wieder einmal hinter seinem immensen Schatz an Wissen und Anekdoten verschanzte, explodierte Abdel-Samad f\u00f6rmlich und warf dem einstigen Nahost-Korrespondenten vor, mit seinem Denken im Kalten Krieg stecken geblieben zu sein. Das Publikums beklaschte es laut und Scholl-Latours Miene versteinerte in einem Ma\u00dfe, dass es schien, er halte den Nichtvollzug des n\u00e4mlichen Aufrufes f\u00fcr einen schweren Fehler.<\/p>\n<p>Auch Mazen Okasha ging auf den Mordaufruf nicht ein. Er musste sich aber von Abdel-Samad fragen lassen, warum er vor dem 30. Juni auf seinere Facebook-Seite Werbung f\u00fcr Tamarod gemacht, nach dem Machtwechsel aber das Milit\u00e4r verteufelt habe. Der bestritt das vehement, doch Abdel-Samad behauptete, er habe die fraglichen Eintr\u00e4ge inzwischen gel\u00f6scht <em>(Ich kann es leider nicht beurteilen, weil die Postings von Mazen Okasha weitgehend arabisch sind.)<\/em>.<\/p>\n<p>Die Einspieler waren nun auch nicht gerade von gro\u00dfer Ausgewogenheit getragen. Mir erschien das Ganze dann doch ein wenig nach dem politischem Mainstream ausgerichtet, der da lautet: Ja, es war ein Milit\u00e4rputsch, aber ihr m\u00fcsst alle miteinander reden. Die Antwort auf die eine und entscheidende Frage blieben Scholl-Latour, Azzam und Okasha schuldig: &raquo;Mit wem soll man denn reden, wenn sich der andere dem Gespr\u00e4ch konsequent verweigert?&laquo;<\/p>\n<p>Was hat uns der Abend gelehrt? Vielleicht, dass Peter Scholl-Latour mittlerweile in Talk-Shows etwa den Peinlichkeitsgrad erreicht hat, wie Udo Lattek im Fu\u00dfball-Talk &raquo;Doppelpass&laquo;, den man vor zwei Jahren fast operativ aus der sonnt\u00e4glichen Runde entfernen musste?<\/p>\n<p>Viele Freunde und Bekannte in \u00c4gypten fragen sich, ob sich der leidenschaftliche Demokrat Mazen Okasha, der sich um die politische Bildung vor allem am Roten Meer wirklich verdient gemacht hat, inzwischen ein Moslembruder geworden ist. Ich glaube das nicht. Zwar teile ich seine Meinung nicht, aber ich kann mir vorstellen, wie sie sich entwickelt hat. Wenn jemand soviel Zeit und Passion in den Aufbau der Demokratie steckt, wie er, dann sieht er m\u00f6glicherweise einen Teil seines Lebenswerks zerst\u00f6rt, wenn demokratische Strukturen zerbrechen. F\u00fcr ihn pers\u00f6nlich ist das alles sicherlich ein gro\u00dfes Drama. Zudem wird er nach seiner R\u00fcckkehr mit Repressionen rechnen m\u00fcssen \u2013 was nat\u00fcrlich zutiefst undemokratisch w\u00e4re. Da gilt einfach Rosa Luxemburgs Satz, dass die Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden sein muss.<\/p>\n<p>Tja \u2013 k\u00f6nnte man nun sagen \u2013 muss das nicht auch f\u00fcr Muslembr\u00fcder gelten? Auf jeden Fall. Das Problem ist eben nur, dass die MBs jeden, der anders denkt, mit dem Tode bedrohen. Das haben sie sogar getan, als Mursi noch an der Macht war.<\/p>\n<p>Den f\u00fcr mich wichtigsten und bedeutsamsten Satz dieses Abends sprach Hamed Abdel-Samad, auf Mybrit Liiners Frage, was denn nun mit der Demokratie in \u00c4gypten werde. Da sagte er: &raquo;Demokratie ist eine Bestimmung, keine Option.&laquo; Recht hat er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus gegebenem Anlass gibt es hier an dieser Stelle zur Abwechslung einmal eine Fernsehkritik. 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