{"id":562,"date":"2013-07-05T15:11:15","date_gmt":"2013-07-05T13:11:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=562"},"modified":"2013-07-05T15:11:15","modified_gmt":"2013-07-05T13:11:15","slug":"armee-in-der-falle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2013\/07\/05\/armee-in-der-falle\/","title":{"rendered":"Armee in der Falle"},"content":{"rendered":"<p>Viele durchaus sehr demokratische gesinnte Menschen r\u00e4tseln dar\u00fcber, wie ein amerikanischer Pr\u00e4sident \u00fcber die Vorg\u00e4nge in \u00c4gypten besorgt sein kann, oder warum ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2013-07\/aegypten-sturz-mursi-reaktionen\" target=\"_blank\">deutscher Au\u00dfenminister<\/a> den Machtwechsel gar als R\u00fcckschlag f\u00fcr die Demokratie wertet. Entweder haben beide von nichts eine Ahnung, oder sie sind schlecht beraten &#8211; oder sie f\u00fcrchten sich vor etwas. Tats\u00e4chlich hat sich in \u00c4gypten etwas getan, was vor allem den amerikanischen Pr\u00e4sidenten in gro\u00dfe Sorgen versetzen muss. Die \u00e4gyptische Armee, die im Moment als der gro\u00dfe Machtfaktor dasteht, die einen gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten aus dem Amt gejagt hat und zudem einen Staat im Staat bildet, ist ja gleichzeitig auch einer der wichtigsten Verb\u00fcndeten der USA in dieser Region. Immerhin sponsorn die Amerikaner das \u00e4gyptische Milit\u00e4r mit 1,4 Milliarden Dollar im Jahr. Und diese Armee hat vorgestern bei n\u00e4herem Hinschauen eigentlich eine ganz empfindliche Niederlage einstecken m\u00fcssen. Im Moment wird das alles durch Jubelszenen auf dem Tahrir \u00fcberdeckt. Aber Barak Obama muss ich in der Tat sorgen um die \u00e4gyptische Armee machen. Diese Revolution 2.0 k\u00f6nnte sie n\u00e4mlich nachhaltiger \u00e4ndern, als das viele im Moment glauben m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Schauen wir uns das Milit\u00e4r mal etwas genauer an. Die F\u00fchrungsspitze ist weder demokratisch noch besonders freiheitlich orientiert. In den Milit\u00e4rakademien kursieren unter den k\u00fcnftigen Offizieren das Landes solch literarische Bl\u00fcten wie zum Beipiel &#8222;Mein Kampf&#8220;. Durch \u00fcberm\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Lust an der Kriegsf\u00fchrung ist \u00c4gyptens Armee seit 40 Jahren &#8211; Gott sei Dank &#8211; auch nicht mehr aufgefallen. Daf\u00fcr haben die Milit\u00e4rs ein Wirtschafts- und Verwaltungsimperium aufgebaut, das seines gleichen sucht. Panzer und Raketen sind weitgehend Nebensache und dienen eher als Spielzeug. L\u00e4ngst die die Armee ein sich selbst erhaltendes System geworden &#8211; steuerfrei.\u00a0 Man kann nicht einmal sagen, dass die Armee das Land systematisch ausblutet. Sie schafft ja auch Arbeitspl\u00e4tze &#8211; sehr viele sogar. Staat und Armee sind eher in einer symbiotischen Struktur miteinander verbunden. Und genau das macht sie nun angreifbar.<\/p>\n<p>Hat der Jungenfrauentester <a href=\"http:\/\/dtj-online.de\/news\/detail\/2575\/der_mann_hinter_dem_machtwechsel_am_nil_al_sisi_im_portrait.html\" target=\"_blank\">Abdel Fatah al Sissi<\/a> tats\u00e4chlich in einer Anwandlung von Demokratiebesoffenheit Tamarod die Hand gereicht? Hat er sich nach einem Damaskuserlebnis vom Saulus zum Paulus gewandelt, zum gro\u00dfen Freiheitsk\u00e4mpfer? M\u00f6glich, aber kaum anzunehmen. Nein, der oberste Milit\u00e4r hat sich erpressen lassen &#8211; vom Volk. So einfach sieht es aus. Seit etwa einem halben Jahr wurden die Stimmen immer lauter, das Milit\u00e4r solle eingreifen. Es hatte seit Monaten immer wieder mal sehr wachsweiche Ank\u00fcndigungen der Armee gegeben, vielleicht mal irgend wann etwas zu tun, wenn es mit der Wirtschaft weiter bergab gehe. Das wurde zurecht als der kolossale Unwille gewertet, in die Politik aktiv einzugreifen. Doch auf einmal ging alles sehr schnell. Als Tamarod pl\u00f6tzlich Millionen auf die Stra\u00dfe brachte und am vergangenen Sonntag das Ultimatum vom Tahrir kam, reagierten die Milit\u00e4rs. Kaum hatten die Demonstranten mit bedingungslosem zivilen Ungehorsam gedroht, kam auch schon ein Ultimatum der Armee. Warum wohl? Sie hatten das Wort vom &#8222;bedingungslosen Ungehorsam&#8220; v\u00f6llig richtig mit &#8222;Generalstreik&#8220; \u00fcbersetzt. Doch wem h\u00e4tte denn ein Generalstreik am meisten geschadet? Doch denjenigen, die am meisten Menschen besch\u00e4ftigen. Um es platt auszudr\u00fccken: Die Milit\u00e4rs f\u00fcrchteten die Pleite ihrer eh schon ausgesprochen angeschlagenen Unternehmen.<\/p>\n<p>Doch warum war das Eingreifen des Milit\u00e4rs nun langfristig eine Niederlage? Erstmals in der j\u00fcngeren Geschichte hat sich das Milit\u00e4r vom Volk zu etwas zwingen lassen. Es hat eine offene Flanke gezeigt und offenbart, wo es verwundbar ist: N\u00e4mlich genau dort, wo es verdient. Die Androhung von Streiks werden die Milit\u00e4rs nicht weniger beunruhigen, als die Ank\u00fcndigung Obamas die j\u00e4hrliche Milit\u00e4rhilfe zu \u00fcberdenken. Wenn das dem \u00e4gyptischen Volk klar wird, dann kann das der erste Schritt sein, um die alt her gebrachten Strukturen aufzubrechen.<\/p>\n<p>Niemand kann im ernst erwarten, dass sich das Milit\u00e4r von heute auf morgen von seine Reiseunternehmen und Nudelfabriken trennt. Aber das Volk kann sehr wohl vom Milit\u00e4r erwarten, dass es in einer gro\u00dfen wirtschaftlichen Krise endlich einmal damit anf\u00e4ngt, Steuern zu bezahlen. Es kann auch darauf pochen, dass es irgendwann seine Finanzen offenlegt. Wie es dann weiter geht? Man wird sehen.<\/p>\n<p>Aber auch das Milit\u00e4r hat ja seine M\u00f6glichkeiten. Es steht ja unter dem Druck, der Welt, vor allem der westlichen, beweisen zu m\u00fcssen, dass das, was da in \u00c4gypten passierte, auch rechtens ist und das geht nur \u00fcber einen Erfolg der Regierung &#8211; einer zivilen Regierung der nationalen Einheit. Die Erfahrungen mit der Opposition in der Vergangenheit sind leider wenig ermutigend. Da hatte sich zum Beispiel der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%84gyptischer_Block\" target=\"_blank\">\u00e4gyptische Block <\/a>mit 15 Parteien, Verb\u00e4nden und Gewerkschaften selbst so zerlegt, dass nur noch drei Parteien \u00fcbrig blieben. Nun m\u00fcssen sich die einstigen Oppsitionskr\u00e4fte zusammenraufen. Dass sie es schaffen w\u00e4re eher unwahrscheinlich, st\u00fcnde nicht das Milit\u00e4r im Hintergrund, das sie m\u00f6glicherweise dazu zwingt.<\/p>\n<p>Wie immer man das Kind vom 3. Juli nennen will, zweite Revolution, Putsch oder Staatsstreich &#8211; eines ist jedenfalls klar: Die Armee ist dem Volk in die Falle gegangen &#8211; nicht umgekehrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele durchaus sehr demokratische gesinnte Menschen r\u00e4tseln dar\u00fcber, wie ein amerikanischer Pr\u00e4sident \u00fcber die Vorg\u00e4nge in \u00c4gypten besorgt sein kann, oder warum ein deutscher Au\u00dfenminister den Machtwechsel gar als R\u00fcckschlag f\u00fcr die Demokratie wertet. 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