{"id":555,"date":"2013-07-04T13:36:46","date_gmt":"2013-07-04T11:36:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=555"},"modified":"2013-07-04T13:36:46","modified_gmt":"2013-07-04T11:36:46","slug":"dann-jagen-wir-sie-eben-zum-teufel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2013\/07\/04\/dann-jagen-wir-sie-eben-zum-teufel\/","title":{"rendered":"Dann jagen wir sie eben zum Teufel"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ja manchmal so nach einem gro\u00dfen Fest, da\u00df man mit einem geh\u00f6rigen Kater erwacht. Wenn es am Tag nach den Erfolg der &#8222;Rebellion&#8220;, wie Tamarod \u00fcbersetzt hei\u00dft, zu einer Art Kater kam, dann sorgten daf\u00fcr ausgerechnet US-Pr\u00e4sident <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/mursi-aegypten100.html\" target=\"_blank\">Barak Obama<\/a> und UN-Generalsekret\u00e4r Ban Ki Moon. Beide \u00e4u\u00dferte sie ihre Sorgen und mahnten das Milit\u00e4r, die Macht so schnell wie m\u00f6glich wieder in zivile H\u00e4nde zu legen. Zumindest bei Obama erscheint mir die Mahnung als etwas heuchlerisch, denn es ist kaum anzunehmen, dass Abdel Fatah el Sissi auch nur einen Schritt gemacht hat, ohne sich zuvor mit dem Pentagon abzusprechen.<\/p>\n<p>Die gesamte Legitimationdebatte, die schon gestern losgetreten wurde, als Mursi noch im Amt war, erscheint mir pers\u00f6nlich v\u00f6llig verfehlt. Ja, es stimmt, dass da ein demokratisch gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident mit Hilfe des Milit\u00e4rs aus dem Amt gekippt wurde. Ja, und? Vielleicht hilft ja mal ein Blick zur\u00fcck, ein Blick auf das \u00c4gypten vor ein oder anderthalb oder zwei Jahren. Nat\u00fcrlich hatte niemand die Legitimit\u00e4tsfrage gestellt, als das Milit\u00e4r Hosni Mubarak st\u00fcrzte und als Mursi Knall auf Fall Mohamed Tantawi entlie\u00df, war das auch nichts weniger als ein Staatsstreich. Aber beide waren nicht demokratisch legitimiert. Allerdings war es doch Mohamed Mursi, der bei seiner Amts\u00fcbernahme die \u00c4gypter sogar aufforderte wieder auf die Stra\u00dfe zu gehen, wenn sie mit seiner Amtsf\u00fchrung unzufrieden sind.\u00a0 Genau das haben sie doch getan. Daf\u00fcr haben seine Br\u00fcder den Demonstranten den Heiligen Krieg erkl\u00e4rt! Was im \u00fcbrigen, nach der von den Muslimbr\u00fcdern durchgepeitschen Verfassung, den Tatbestand des Hochverrats darstellt. Mursi hat sie nicht einmal zur Rechenschaft gezogen.<\/p>\n<p>Mit ihrer Revolution vom Fr\u00fchjahr 2011 sind die \u00c4gypter auf den Geschmack der Demokratie gekommen. Allerdings ist das keine Demokratie, die wie soutierte Wachtelbr\u00fcstchen mit lauwarmer Brunnenkresse daher kommt, sondern wie ein derber \u00fcber dem Spie\u00df gebratener Hammelbraten, aus dem man sich mit der Hand ein St\u00fcck rausrei\u00dft. Die \u00e4gyptische Demokratie ist (noch) archaisch und &#8211; ja vielleicht auch anarchisch (nicht anarchistisch!!) &#8211; aber es ist eben doch eine Demokratie.<\/p>\n<p>Als ich vor anderthalb Jahren f\u00fcr &#8222;Koulou Tamam&#8220; recherchiert habe, hatte ich ein langes Interview mit Housam, einem Koch aus Hurghada, der aus Souhag im Niltal stammt. Daran mu\u00dfte ich gestern wieder denken. Soviele Experten haben in den letzten zwei Jahren so schlaue Dinge gesagt &#8211; und sich so gr\u00fcndlich geirrt. Ich selbst nehme mich da wei\u00df Gott nicht aus. Aber heute kommt mir das, was Housam damals im Januar 2012 zu mir sagte doch sehr prophetisch vor: <!--[if gte mso 9]&gt;--><\/p>\n<div id=\"attachment_131\" style=\"width: 278px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Housam.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-131\" class=\"size-medium wp-image-131\" alt=\"Chefkoch Housam Foto: psk\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Housam-268x300.jpg\" width=\"268\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-131\" class=\"wp-caption-text\">Chefkoch Housam<br \/>Foto: psk<\/p><\/div>\n<p class=\"MsoNormal\"><em>\u201eWir haben keine Angst vor der Zukunft. Warum auch? Egal, wer jetzt an die Regierung kommt, ob Islamisten, Liberale oder sonst wer, sie m\u00fcssen die Situation f\u00fcr die Menschen verbessern. Das hei\u00dft, sie m\u00fcssen genug zu essen und ein vern\u00fcnftiges Dach \u00fcber dem Kopf haben. Wenn sie das nicht schaffen, stehen eben wieder Millionen auf dem Tahrir und verjagen sie. Dann kommen eben die n\u00e4chsten dran.\u201c (Koulou Tamam \u00c4gypten, Carpathia-Verlag Berlin, 2012)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Nun ist Housam kein verkopfter Politiker, kein spitzfindiger Analytiker, sondern ein einfacher, sehr frommer aber auch durchaus reflektierter Mann aus dem einfachen Volk. Das, was er vor anderthalb Jahren zu mir sagte, reicht doch v\u00f6llig aus als Legitimation f\u00fcr das, was gestern passiert ist. Den \u00c4gyptern geht es heute schlechter als zu Zeiten Mubaraks. Da h\u00e4tten sie ihn auch gleich behalten k\u00f6nnen. Nein &#8211; die \u00fcberwiegende Zahl des Volkes sah sich an den Rand der Existenz gedr\u00fcckt und hat meines Erachtens und v\u00f6llig zu Recht in Notwehr gehandelt &#8211; und das Milit\u00e4r hat &#8211; ebenfalls v\u00f6llig zu Recht &#8211; das Volk darin unterst\u00fctzt. Dass das Milit\u00e4r nur an zwei Dingen interessiert ist, an der Wahrung seiner Privilegien und denn 1,4 Milliarden j\u00e4hrlich aus den USA&#8230; geschenkt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Man muss dem Milit\u00e4r aber eines zu Gute halten. es hat aus dem zweieinhalbj\u00e4hrigen Desaster gelernt. Wenn die Pressekonferenz gestern ein Zeichen f\u00fcr die Zukunft war, dann geht \u00c4gypten goldenen Zeiten entgegen. Nach Sissi sprach der Sheik der Al Ahsar Universi\u00e4tet und nahm damit den Moslembr\u00fcdern die Legitimit\u00e4t, im Namen des Islam zu sprechen, sprach El Baradei f\u00fcr die S\u00e4kularen, und stand als Symbol, dass die zerstrittene Opposition nun mit einer Stimme sprechen will, sprach Papst Tawadross II., das Oberhaupt der koptischen Christen und brachte damit in Erinnerung, dass die christliche Minderheit ebenfalls eine wichtige Rolle in \u00c4gypten spielen sollte, sprach ein Vertreter der Jugend, die ja nicht ganz zu unrecht glaubte, dass ihr die erste Revolution gestohlen worden sei &#8211; und dann die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung, sprach ein Vertreter der Salafisten. Und das muss f\u00fcr die Moslembr\u00fcder der niederschmetterndste Anblick an jenem Abend gewesen sein. Selbst die vermeintlich noch viel sittenstrengeren Glaubensbr\u00fcder lassen sich in ein B\u00fcndnis der nationalen Einheit einbinden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Dieses B\u00fcndnis wurde ja nicht gestern Abend vor den Fernsehkameras geschmiedet, sondern schon vermutlich zwei Tage zuvor. Die Muslimbr\u00fcder waren dazu eingeladen. Sie waren die einzige gesellschaftliche Gruppe, die dieser Einladung nicht gefolgt sind. Man kann es also auch so sehen, dass sich der Pr\u00e4sident von seinem Volk abgewendet hat. Dann muss er sich nicht wundern, wenn er davon gejagt wird.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ich habe an dieser Stelle schon das ein oder andere Mal die Opposition kritisiert, weil sie lieber weggelaufen ist und Demonstrationen organisiert hat, statt auf dem parlamentarischem Weg zu k\u00e4mpfen. Dieser Meinung bin ich nach wie vor. Aber auch das kann die gestrigen Ereignisse nicht diskreditieren. Das ganze war nach meiner Ansicht aus demokratischer Hinsicht v\u00f6llig okay.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wenn das der amerikanische Pr\u00e4sident ausgerechnet am 150. Jahrestag der Schlacht von Gettysburg anders sieht, ist das schon sehr traurig. Sein Idol Abraham Lincoln hat sogar einen vierj\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg &#8211; der dank der Umsicht der Milit\u00e4rs den \u00c4gypten jetzt hoffentlich erspart bleibt &#8211; gef\u00fchrt, um die Demokratie zu retten. Vier Monate nach der Schlacht weihte Lincoln den Soldatenfriedhof in Gettysburg ein. Dabei sprach der nur zweieinhalb Minuten lang und seine Rede umfa\u00dfte gerade mal 200 Worte. Die letzten Worte lauteten: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gettysburg_Address\" target=\"_blank\"><em>&#8222;Auf dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben \u2013 und auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und f\u00fcr das Volk, nicht von der Erde verschwinden m\u00f6ge.\u201c <\/em><\/a><strong>Mabruk ya Masr.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ja manchmal so nach einem gro\u00dfen Fest, da\u00df man mit einem geh\u00f6rigen Kater erwacht. 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