{"id":526,"date":"2013-06-18T15:33:26","date_gmt":"2013-06-18T13:33:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=526"},"modified":"2013-06-18T15:33:26","modified_gmt":"2013-06-18T13:33:26","slug":"aufgeben-gilt-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2013\/06\/18\/aufgeben-gilt-nicht\/","title":{"rendered":"Aufgeben gilt nicht"},"content":{"rendered":"<p>Vor mehr als einem halben Jahr habe ich in diesem Blog den letzten Beitrag ver\u00f6ffentlicht. Nach einem Jahr dachte ich, dass es jetzt mal gut sein m\u00fcsste. Allerdings war mir aber, angesichts der \u00e4gyptischen Politik \u2013 darf man dieses Chaos \u00fcberhaupt so benennen? \u2013 auch die Lust vergangen, noch weiter zu schreiben. Au\u00dferdem kam ich mir ziemlich bescheuert vor. Tats\u00e4chlich hatte ich eine Zeit lang daran geglaubt, dass die Moslembr\u00fcder die Kurve bekommen w\u00fcrden. Am Ende behielten die Recht, die von Beginn an vor der Bruderschaft gewarnt hatten.\u00a0 Doch selbst die sind nun von dem Ausma\u00df der Konfusion ziemlich \u00fcberrascht.<\/p>\n<div id=\"attachment_528\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Gute-Nacht.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-528\" class=\"size-medium wp-image-528\" alt=\"Gute Nacht, \u00c4gypten?\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Gute-Nacht-300x224.jpg\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-528\" class=\"wp-caption-text\">Gute Nacht, \u00c4gypten?<\/p><\/div>\n<p>Diejenigen, die den Br\u00fcdern zutrauten, das Land zu ordnen oder wenigstens richtig zu verwalten, verwiesen ja nicht ohne Grund darauf, dass die Bruderschaft, die in diesem Jahr immerhin 85 Jahre(!) alt wird, stehts straff gef\u00fchrt und sehr gut durchorganisiert war. Und nur dieser Organisationsgrad habe es m\u00f6glich gemacht, dass die Moslembr\u00fcder auch in der Zeit, da sie verboten waren, effektiv weiter arbeiten konnten und sogar wuchsen.<\/p>\n<p>Von h\u00f6herer Organisation- und Verwaltungskunst ist heute bei den Br\u00fcderen nichts mehr zu erkennen. Im Gegenteil. Die Versorgungslage wird von Tag zu Tag schlechter. Das Stromnetz steht vor dem Kollaps, die Produktion wird immer geringer, die Preise explodieren, die Einnahmen aus dem Tourismus brechen weg, das \u00e4gyptische Pfund zerf\u00e4llt (aktueller Kurs heute: 1:9,36). So ziemlich jedes Gebiet in Wirtschaft und Gesellschaft ist heute deutlich schlechter dran, als zu den Zeiten Mubaraks. Auch Sitten und Moral verfallen \u2013 was nun ausgerechnet bei den islamischen Sittenw\u00e4chtern seltsam anmutet. Im Februar wurde ich auf dem Flughafen in Hurghada Zeuge einer unfassbar bizarren Szene: Da kam es zu einer Pr\u00fcgelei zwischen Angeh\u00f6rigen des Sicherheitspersonals, weil sie sich nicht dar\u00fcber einigen konnten, welches von drei Durchleutungsger\u00e4ten f\u00fcr die Passagiere benutzt werden sollte (F\u00fcr alle, die sich auskennen: Das ganze spielte sich zwischen Passkontrolle und Duty-Free-Bereich ab).<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Schlagzeilen aus \u00c4gypten sind auch alles andere als ermutigend. Mursi hat acht neue Gouverneure ernannt. Besonders &#8222;feines Gesp\u00fcr&#8220; bewies er bei der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/aegypten-praesident-mursi-ernennt-islamisten-als-gouverneure-a-906252.html\" target=\"_blank\">Ernennung des Gouverneurs von Luxor<\/a>. Adel Asaad al-Chajat geh\u00f6rt zur Gamaa al Islamiyya und damit zu der Organisation, die 1997 f\u00fcr das f\u00fcrchterliche Blutbad am Hatshepsuttempel vor den Toren von Luxor verantwortlich gemacht wird.<\/p>\n<p>Aussicht auf Besserung? Viele \u00c4gypter schielen teils hoffnungsvoll, teils angstvoll auf den 30. Juni. Da sind in Kairo wieder gro\u00dfe Proteste angek\u00fcndigt. Mittlerweile schwirrt schon das Wort von der &#8222;Zweiten Revolution&#8220; durchs Internet. Als h\u00e4tten sie von der ersten noch nicht genug. Und dann ist da noch die Sache mit dem Milit\u00e4rputsch. Selbst \u00fcberzeugte Demokraten sehnen sich den inzwischen herbei, weil sie glauben, dass dann wieder Ruhe und vor allem eine gewisse Ordnung im Land einkehren. Aber die Milit\u00e4rs zieren sich. Sie m\u00fcssten ja dann Verantwortung \u00fcbernehmen, das haben sie ja schon nicht getan, als sie in Form des Obersten Milit\u00e4rrats (SCAF) an der Macht waren. Mursi und seine Br\u00fcder haben im letzten Jahr schon wei\u00df Gott viel Unheil angerichtet. Aber was der SCAF hinterlassen hatte, war auch alles andere als ein geordnetes Haus. Und dann noch eines: Als Mursi vor einem Jahr den greisen Feldmarschall Tantawi kurzerhand vor die T\u00fcr setzte, ordnete er auch den Milit\u00e4rrat neu. Nun muss man sicher nicht dreimal raten, wieviele Kritiker Mursis oder der Moslembr\u00fcder in dem h\u00f6chsten Milit\u00e4rgremium sitzen.<\/p>\n<p>Eine andere \u00e4gyptische Hoffnung stirbt derzeit jenseits des Mittelmeeres auf dem Taksimplatz in Istanbul. Rund zehn Jahre lang hat in der T\u00fcrkei eine islamische Partei der Welt gezeigt, dass sie auch Demokratie kann \u2013 und das noch mit bis zu neun Prozent Wirtschaftswachstum. Das Thema d\u00fcrfte nun auch begraben werden. Die T\u00fcrkei als Vorbild f\u00fcr \u00c4gypten? Fatalerweise scheint es ja umgekehrt zu sein. Erdo\u011fans Rhetorik erinnert fatal an Mursis Geschrei mit dem Tenor &#8222;Wir haben die Mehrheit, wir d\u00fcrfen alles&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn ich auf die Blogbeitr\u00e4ge vom vergangenen Jahr schaue, dann waren sie am Anfang eigentlich sehr von Hoffnung und Zuversicht getragen und wurden \u2013 analog zur politischen Entwicklung \u2013 immer pessimistischer. Nat\u00fcrlich ist der Frust gro\u00df, dass meine optimistischen Prognosen nicht eingetroffen sind. Aber vielleicht ist es auch inkonsequent, der \u00e4gyptischen Opposition vorzuwerfen, dass sie lieber wegl\u00e4uft, als sich im Parlament beschimpfen zu lassen, und selbst in Schweigen zu verfallen, weil die eigenen Prophezeiungen kl\u00e4glich danebengegangen sind. Aufgeben gilt nicht. Das sollte ich eigentlich von all den Freunden in \u00c4gypten gelernt haben, die dort Fu\u00df gefasst haben und allen Widrigkeiten zum Trotz im Land bleiben und weitermachen. Also: Ab jetzt an dieser Stelle wieder mehr \u2013 und dank an alle, die mir dazu einen kleinen Tritt gegeben haben. Dann sollte ich es in Zukunft halten wie Mark Twain: Ich mache keine Vorhersagen, schon gar nicht, wenn sie die Zukunft betreffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor mehr als einem halben Jahr habe ich in diesem Blog den letzten Beitrag ver\u00f6ffentlicht. Nach einem Jahr dachte ich, dass es jetzt mal gut sein m\u00fcsste. 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