{"id":515,"date":"2012-12-14T15:29:23","date_gmt":"2012-12-14T14:29:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=515"},"modified":"2012-12-14T15:29:23","modified_gmt":"2012-12-14T14:29:23","slug":"ein-jahr-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2012\/12\/14\/ein-jahr-danach\/","title":{"rendered":"Ein Jahr danach"},"content":{"rendered":"<p>Vor genau einem Jahr und einem Tag ist an dieser Stelle <a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2011\/12\/13\/koulou-tamam-koulou-tamam-mea-mea\/\" title=\"Koulou tamam? Koulou tamam, mea, mea!\">der erste Beitrag<\/a> im Produktionsblog &#8222;Koulou tamam, \u00c4gypten?&#8220; erschienen. Zugegeben: Ein Produktionsblog ist diese Seite schon lange nicht mehr. <a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/programm\/edition-aegypten\/koulou-tamam-aegypten\/\" title=\"Koulou Tamam, \u00c4gypten?\" target=\"_blank\">Das Buch<\/a> ist im Mai erschienen, hat seine Leser gefunden und dem einen oder anderen vielleicht auch Zusammenh\u00e4nge aufzeigen k\u00f6nnen, die er zu zuvor noch nicht gesehen hat.<\/p>\n<p>Vier Mal war ich in diesem Jahr in \u00c4gypten &ndash; und erlebte, wohl wie die meisten, eine schlimme Achterbahnfahrt. Hoffnung und Optimismus wechselten manchmal t\u00e4glich mit Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Trotzdem muss ich sagen, dass meine Grundstimmung am Ende dann eher ins Positive gerichtet war. Da ich mich f\u00fcr das Buch auch sehr intensiv mit der j\u00fcngeren Geschichte auseinandergesetzt habe, ist mir aufgefallen, dass sich \u00c4gypten zwar h\u00e4ufiger in v\u00f6llig hoffnungslosen Situationen befand, aber sich irgendwie immer daraus befreien konnte. Zum Beispiel die Suezkrise oder die katastrophale Niederlage nach dem Sechstagekrieg.<\/p>\n<div id=\"attachment_516\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Energie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-516\" class=\"size-medium wp-image-516\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Energie-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Energie-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Energie-150x85.jpg 150w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Energie-225x127.jpg 225w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Energie.jpg 312w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-516\" class=\"wp-caption-text\">Getreide und Energie werden in \u00c4gypten knapp und teuer. Hier die etwa einen Kilometer Lange Schlange vor einer Tankstelle in Hurghada. Foto: psk<\/p><\/div>\n<p>Dieses Mal geht mir so langsam der Glaube daran verloren. Einerseits sind da sie Nachrichten, die direkt aus \u00c4gypten kommen. Nicht \u00fcber die normalen Kan\u00e4le, sondern \u00fcber Blogs, wie etwa <a href=\"http:\/\/hurghadablog.blogspot.de\/2012\/12\/muslimbruder-zeigen-ihr-wahres-gesicht.html\" target=\"_blank\">Anderswo: Leben in Hurghada<\/a>. Was da zu lesen ist, ist zutiefst ersch\u00fctternd und verst\u00f6rend. Andererseits wei\u00df nun jeder, der das Land kennt, dass das Schlimmste ja erst noch im Fr\u00fchjahr kommen wird. Wenn es wirklich zu explodierenden Getreidepreisen auf dem Weltmarkt kommt, wenn der IWF wirklich auf den Abbau der Lebensmittel- und Energiepreise besteht, was dann? Wenn das alles stimmt, dann sollen sich die Preise f\u00fcr Grundnahrungsmittel vervierfachen &ndash; und das in einem Land, in dem der gr\u00f6\u00dfte Teil der Bev\u00f6lkerung schon jetzt nicht mehr gen\u00fcgend Geld zum Leben hat.<\/p>\n<p>Die Moslembr\u00fcder dr\u00e4ngen mit aller Gewalt an die ganze Macht. Gut. Vergessen wir mal f\u00fcr einen Augenblick solche Kleinigkeiten wie Freiheit oder Demokratie. Sagte nicht schon Bert Brecht: Erst kommt das Fressen und dann die Moral. Eben. Die f\u00fcr mich vielleicht schockierndste Nachricht in diesem Jahr war nicht Mursis Griff zur Allmacht, es waren nicht die immer wieder schlimmen Bilder vom Tahrir oder neuerdings von vor dem Pr\u00e4sidentenpalast. Nicht einmal die grauenhaften Ereignisse im Stadion von Port Said am 1. Februar haben mich im Innersten so beunruhigt, wie die aktuellen Bev\u00f6lkerungszahlen. Inzwischen gibt es auf der Welt \u00fcber 90 Millionen \u00c4gypter. Bislang war man von 80 Millionen ausgegangen. Als ich zum ersten Mal ins Land kam, und das ist nun \u00fcber 20 Jahre her, waren es noch 60 Millionen. Die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst also um mehr als eine Million im Jahr. Man stelle ich das mal vor: In Deutschland w\u00fcrde jedes Jahr irgendwo in der Republik pl\u00f6tzlich eine Stadt in der Gr\u00f6\u00dfe K\u00f6ln auftauchen &ndash; einfach so.<\/p>\n<p>\u00c4gypten war einst die Kornkammer des Mittelmeerraums. Inzwischen reichen die Anbaufl\u00e4chen bei weitem nicht mehr, um die eigene Bev\u00f6lkerung zu versorgen. \u00c4gypten muss also Getreide einf\u00fchren &ndash; und das auch noch sobventionieren, damit sich die Menschen \u00fcberhaupt ihr Brot leisten k\u00f6nnen. Und nun sind da also die Moslembr\u00fcder. Dass sie fromm sind und zu islamischen Werten zur\u00fcck wollen und die auch der gesamten Bev\u00f6lkerung \u00fcberst\u00fclpen wollen, lassen wir mal beiseite. Jeder darf nach seiner Facon selig werden. Aber leider geh\u00f6ren zu den islamischen Werten auch zwangsl\u00e4ufig gro\u00dfe Familien (warum eigentlich?). Zu den scheinbaren islamischen Werten geh\u00f6rt auch, dass ein Mann m\u00f6glichst viele S\u00f6hne haben sollte und die T\u00f6chter nun nicht ganz soviel z\u00e4hlen. Daran werden die Moslembr\u00fcder nat\u00fcrlich nicht r\u00fctteln.\u00a0 Sogar Anwar al Sadat, der selbst ein sehr frommer Moslem war, hatte ein Programm zur Familienplanung auf den Weg gebracht und der Erfolg war ziemlich genau null &ndash; wenn man die Bev\u00f6lkerungsentwicklung betrachtet.<\/p>\n<p>Ist solch ein Programm von den Br\u00fcdern zu erwarten? Ich versuch mir gerade vorzustellen, wie die K\u00f6pfe der Bruderschaft (die ja angeblich nicht dumm sind) dem Mob, den sie auf die Stra\u00dfe geschickt haben, ganz vern\u00fcftig die Vorz\u00fcge einer Ein-Kind-Familie darlegen. Nein, nat\u00fcrlich sind die Br\u00fcder darauf angewiesen, ihre Anh\u00e4nger mit traditionellen Ansichten bei Laune zu halten. Und genau hier vers\u00fcndigen sich die Moslembr\u00fcder an ihrem Land. Die gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen um die Macht, die Unterdr\u00fcckung der Opposition sind das eine, aber ein ganzes Volk sehenden Auges dem Hungerelend preiszugeben ist noch einmal etwas ganz anderes. Nat\u00fcrlich spekulieren sie in \u00c4gypten auf die Hilfe ihrer arabischen Br\u00fcder. Sie wissen ja genau, dass reiche Scheichs aus den Emiraten, Kuweit und Saudi Arabien ihr Geld l\u00e4ngst anderweitig angelegt haben: Zum Beispiel in riesige Weizenfelder in \u00c4thiopien(!). Die Ernte landet nicht etwa auf dem Weltmarkt, sondern in riesigen Getreidesilos als wunderbares Spekulationsobjekt f\u00fcr Situationen, wie sie etwa im Fr\u00fchjahr weltweit drohen.<\/p>\n<p>Die arabischen Br\u00fcder werden sich ihre Hilfe aber sehr teuer bezahlen lassen. Und wenn in der Historie auf eines Verlass war, dann auf die Tatsache, dass es unter den arabischen V\u00f6lkern einfach mal gar keine Solidarit\u00e4t gibt. Schon seit der Antike haben sie sich gegenseitig stets \u00fcbers Ohr gehauen und selbst der Koran ist voll von solchen Geschichten. Es k\u00f6nnte also gut sein, dass sich die Br\u00fcder v\u00f6llig verspekulieren, wenn sie auf nachbarschaftliche Solidarit\u00e4t setzen.<\/p>\n<p>Ob sich die Opposition viel besser angestellt h\u00e4tte, wag ich jetzt mal zu bestreiten. Untereinander waren sie seit Beginn der Revolution schon wie Hund und Katz&#8216;. Pr\u00e4sident Mursi hat sie jetzt wieder ein wenig zueinander gebracht. Trotzdem: Eine Werbung f\u00fcr die Demokratie ist das Gehabe der &#8222;demokratischen&#8220; Opposition auch nicht. Sie haben es den Br\u00fcdern im letzten Jahr schon sehr leicht gemacht. Ich glaube ich habe es an dieser Stelle auch schon mal so geschrieben: Es ist leichter eine Demonstration zu organisieren als eine parlamentarische Mehrheit.<\/p>\n<p>Wenn das Jahr zu Ende geht, haben wahrscheinlich alle Beteiligten gelernt, dass Demokratie eine verflixt schwierige Sache ist, die nur dann gedeihen kann, wenn sich alle nicht nur an Spielregeln, sondern auch an gute Sitten halten. F\u00fcr die Mehrheit hei\u00dft das, die Minderheit nicht mit aller Gewalt zu unterdr\u00fccken, und f\u00fcr die Minderheit bedeutet das, nicht einfach wegzurennen, nur weil man keine Mehrheit hat.<\/p>\n<p>Es war kein leichtes Jahr f\u00fcr \u00c4gypten. Und das kommende wird noch schwieriger. Ich gebe zu, dass mir mein Optimismus jetzt ein wenig abhanden gekommen ist. Aber mir bleibt der Trost, dass sich in diesem Land alles ganz schnell wieder \u00e4ndern kann. Im letzten Januar sagte mir eine gute Freundin, dass sie f\u00fcrchte, bis sp\u00e4testens Juni sei hier alles vorbei und sie m\u00fcsse wieder nach Deutschland. Es kam am Ende alles ganz anders.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor genau einem Jahr und einem Tag ist an dieser Stelle der erste Beitrag im Produktionsblog &#8222;Koulou tamam, \u00c4gypten?&#8220; erschienen. Zugegeben: Ein Produktionsblog ist diese Seite schon lange nicht mehr. 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