{"id":469,"date":"2012-11-16T15:50:43","date_gmt":"2012-11-16T14:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=469"},"modified":"2012-11-16T15:50:43","modified_gmt":"2012-11-16T14:50:43","slug":"blick-zuruck-nach-luxor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2012\/11\/16\/blick-zuruck-nach-luxor\/","title":{"rendered":"Blick zur\u00fcck nach Luxor"},"content":{"rendered":"<p>Nach mehr als zwei Monaten gibt&#8217;s nun endlich wieder einen Blog-Eintrag. Die Pause war pers\u00f6nlich bedingt, doch nun will ich mich wieder \u00f6fter an dieser Stelle zu Wort melden.<\/p>\n<p>Es sind jetzt genau 15 Jahre, da fuhr ich gerade zur\u00fcck von Winterthur, als ich die Nachricht h\u00f6rte, dass in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anschlag_von_Luxor_1997\" target=\"_blank\">Luxor ein Terrorkommando der Gamaa Al Islamiya<\/a> 60 Touristen ermordet hatte. Ich wei\u00df noch, dass ich vor Schreck beinahe von der Stra\u00dfe abgekommen w\u00e4re. Gerade acht Wochen war es her, da hatte ein Geistesgest\u00f6rter <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anschlag_auf_Touristen_in_Kairo_1997\" target=\"_blank\">neun deutsche Touristen und einen \u00e4gyptischen Busfahrer<\/a> auf den Tahrir-Platz umgebracht. Die meisten Opfer kamen aus dem Giftun-Hotel. Dort sa\u00df ich am Abend mit Barbara und Thomas in ihrem Restaurant, als abends gegen neun ein v\u00f6llig verst\u00f6rtes, bleiches Kinderm\u00e4dchen herein kam und von dem Anschlag berichtete. Der Schock war ungeheuer gro\u00df. Verst\u00f6rend war zudem eine ganz andere Tatsache: Der Anschlag war schon fast zw\u00f6lf Stunden her. Die gesamte \u00e4gyptische Belegschaft hatte schon am Mittag davon erfahren. Doch keiner hatte den Mut gehabt, Thomas oder Barbara \u00fcber das Geschehen zu informieren.<\/p>\n<p>Wir fuhren an diesem Abend zur\u00fcck ins &#8222;Arabia&#8220; und zwar mit einem Minibus, in dem bereits eine \u00e4gyptische Familie sa\u00df. Kaum hatten wir den Bus bestiegen, kam die Frage, woher wir k\u00e4men, und als wir mit &#8222;Deutschland&#8220; antworteten wurde das mit heftigen Beileidsbekundungen und Entschuldigungen(!) quitiert. Als wir das Hotel erreicht hatten, versuchte der Fahrer einen deutlich \u00fcberh\u00f6hten Preis zu kassieren (F\u00fcr Eingeweihte: Es war der alte &#8222;Special-Taxi-Trick&#8220; und schon deshalb sehr dreist, weil ja bereits Fahrg\u00e4ste im Minibus sa\u00dfen). Ich kam nicht einmal dazu, mich zu wehren, schon fiel die Familie f\u00f6rmlich \u00fcber den Fahrer her und beschimpfte ihn, ob er denn gar kein Schamgef\u00fchl im Leib habe. \u00c4hnlich ging es weiter in den n\u00e4chsten Tagen. Immer wieder wurden Europ\u00e4er und vor allem Deutsche mit Beileid und Entschuldigungen &ndash; teils unter Tr\u00e4nen &ndash; konfrontiert.<\/p>\n<p>Acht Wochen sp\u00e4ter also der Anschlag von Luxor. War der Tourismus nach dem Attentat in Kairo noch mit einem blauen Auge davongekommen, so brach nun alles zusammen. In einem Interview f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.silentworld.eu\/\" target=\"_blank\">Silent World<\/a> sagte mir Monika Wiget vom Jasmin Diving Sports Center: &#8222;Von heute auf morgen war pl\u00f6tzlich alles tot, und wir wussten nicht, wann die G\u00e4ste wiederkommen w\u00fcrden.&#8220; Tats\u00e4chlich bedeutete der Anschlag von Luxor eine Art Zeitenwende. Bis dahin war an dem zehnj\u00e4hrigen rasanten Aufstieg Hurghadas zur gr\u00f6\u00dften Touristenmetropole am Roten Meer alles abgeperlt. Zum ersten Mal sp\u00fcrte die Stadt wirklich, was es hei\u00dft, wenn die G\u00e4ste ausbleiben. Das hatte es zwar im Fr\u00fchjahr 1991 auch schon einmal gegeben. Doch damals war der Flughafen w\u00e4hrend des Golfkrieges gesperrt, und kaum war er wieder offen, waren die Touristen auch wieder da.<\/p>\n<p>Aber auch auf der Gegenseite war der Anschlag eine Z\u00e4sur. Die Gamaa al Islamiya, die einst bei der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr ihr soziales Wirken durchaus beliebt war, hatte ihren gesamten Kredit verspielt. Selbst in ihrer Hochburg Ober\u00e4gypten waren die Gamaa-Mitglieder inzwischen verhasst. Sie wurden buchst\u00e4blich aus dem Land gepr\u00fcgelt. Die eine H\u00e4lfte fl\u00fcchtete und schlug sich zur Al Kaida durch, die andere H\u00e4lfte l\u00f6ste 1998 den ganzen Verein einfach auf. Der Vorgang sucht im \u00fcbrigen weltweit seinesgleichen. Zumindest nach meinem Wissen hat sich noch nie eine Terrororganisation aufgel\u00f6st, weil der Druck der Bev\u00f6lkerung so stark geworden war.<\/p>\n<p>Es ist schon eine bittere Ironie der Geschichte, dass der Nahe Osten am 15. Jahrestag des Anschlages von Luxor wieder vor einem Krieg steht. Die Hamas fu\u00dft auf den gleichen Prinzipien, wie die Gamaa al Islamiya, einerseits Terror zu verbreiten andererseits sozial zu wirken. Die \u00e4gyptische Bev\u00f6lkerung steht dieses Mal fast einhellig hinter der Hamas und ziemlich geschlossen gegen Israel, was bei der Politik der derzeitigen israelischen Regierung auch kein gro\u00dfes Wunder ist. Allerdings ist im Gazastreifen auch etwas anderes zu besichtigen: Wie r\u00fccksichtslos die Hamas mit ihrer eigenen Bev\u00f6lkerung umgeht. Dass \u00c4gyptens Pr\u00e4sident Mohammed Mursi seinen <a href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/dossiers\/nahostkonflikt\/nahostkonflikt_aktuelle_berichte\/501798_Keine-Atempause-im-Gazastreifen.html\" target=\"_blank\">Premierminister Hischam Kandil in den Gaza-Streifen geschickt hat<\/a>, um sich um ein Waffenstilstandsabkommen zu bem\u00fchen, ist allerehrenwert. Die Israelis hatten versprochen, die Kampfhandlungen w\u00e4hrend des Besuchs einzustellen. Nachdem die Hamas w\u00e4hrend Kandils Visite 50 Raketen auf Israel abfeuerten, reiste der \u00e4gyptische Premierminister vorzeitig ab.<\/p>\n<p>Dass der legitime Kampf um eine gerechte Sache durch eigenes Unrecht diskreditiert werden kann, hatte ja einst sogar Pal\u00e4stinenserf\u00fchrer Jassir Arafat eingesehen. An dieser Erkenntnis fehlt es der Hamas nicht nur, sie verfolgt ja auch alle ihre Kritiker im pal\u00e4stinensischen Lager mit unbarmherziger H\u00e4rte. Einst waren die Gamaa und die Hamas Schwesterorganisationen &ndash; die sich \u00fcbrigens auch bei Attentaten gegenseitig unterst\u00fctzten. 15 Jahre nach Luxor k\u00f6nnte die Hamas aus dem Anschlag lernen, was es hei\u00dft, den Bogen zu \u00fcberspanmnen. Den \u00c4gyptern, die der Hamas zujubeln, sei dagegen ein genauerer Blick auf den Gazastreifen empfohlen. Dass die Bev\u00f6lkerung dort so entsetzlich leidet, hat nicht alleine mit der israelischen Blockadepolitik zu tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach mehr als zwei Monaten gibt&#8217;s nun endlich wieder einen Blog-Eintrag. Die Pause war pers\u00f6nlich bedingt, doch nun will ich mich wieder \u00f6fter an dieser Stelle zu Wort melden. 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