{"id":378,"date":"2012-06-02T16:21:56","date_gmt":"2012-06-02T14:21:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=378"},"modified":"2012-06-02T16:21:56","modified_gmt":"2012-06-02T14:21:56","slug":"historisch-verzockt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2012\/06\/02\/historisch-verzockt\/","title":{"rendered":"Historisch verzockt"},"content":{"rendered":"<p>Das war aber clever gemacht, war meine erste Reaktion, als ich vom Urteil gegen Hosni Mubarak erfuhr. Er bekommt lebenslang, was nach menschlichem Ermessen ja so lange nicht mehr dauern kann. Er wird nur wegen den Sch\u00fcssen auf dem Tahrir verurteilt, nicht aber wegen Korruption. Das, so folgerte ich nun messerscharf, musste ja bedeuten, dass alle Korruptionvorw\u00fcrfe auf seine S\u00f6hne Gamal und Alaa zur\u00fcckfallen w\u00fcrden, auf Gamal wohl mehr als auf Alaa. Und dann kam der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/jubel-und-empoerung-ueber-urteile-gegen-mubarak-und-seine-soehne-a-836602.html\" target=\"_blank\">Hammer<\/a>: beide S\u00f6hne durften das Gericht in Kairo als freie M\u00e4nner verlassen.<\/p>\n<p>Viel ist in den letzten Tagen dar\u00fcber diskutiert worden, ob die erste Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen \u00c4gpten der Demokratie n\u00e4her gebracht hat, oder ob die Wahl zwischen einem konservativen Moslembruder und einem Repr\u00e4sentanten des Ancien R\u00e9gime nicht ein gewaltiger R\u00fcckschritt sei. Regelm\u00e4\u00dfige Leser dieses Blogs werden meine Meinung dazu kennen. Das Urteil in Kairo war jedoch vermutlich der schwerste Schlag, der der Demokratie und Rechtsstaatbewegung in \u00c4gypten bislang zugef\u00fcgt wurde. Das Urteil gegen den ehemaligen Staatspr\u00e4sidenten ist okay, ja es ist sogar historisch, weil erstmals in der arabischen Welt ein ehemaliger Herrscher von seinem Volk f\u00fcr sein Tun zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Strafe war weise gew\u00e4hlt. Einerseits verhindert sie die m\u00e4rtyrerhafte Verkl\u00e4rung Mubaraks durch seine noch immer m\u00e4chtigen Anh\u00e4nger, andererseits entspricht des auch dem Gerechtigkeitsgef\u00fchl der Mehrheit der \u00c4gypter. Sicher gibt es einige, die den 84j\u00e4hrigen gerne h\u00e4tten h\u00e4ngen sehen. Doch das h\u00e4tte die Unruhe im Land nur noch weiter verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Das Urteil \u00fcber die S\u00f6hne indes wird dem Land noch weh tun. Durch den faktischen Freispruch haben viele \u00c4gypter ihr gerade aufkeimendes Vertrauen in eine faire und unabh\u00e4ngige Justiz verloren. Vor allem wird im Land nun wieder die Angst wachsen. Jeder erinnert sich daran, dass es die Thugs, die bezahlten Schl\u00e4ger waren, die w\u00e4hrend der Kamelschlacht auf dem Tahrirplatz ein Blutbad anrichteten. Die Bilder vom den verheerenden Jagdszenen im Fu\u00dfballstadion in Port Said, dem rund 100 Fu\u00dfballfans zum Opfer fielen, sind noch frisch. Auch hier floss im Vorfeld viel Geld.<\/p>\n<p>\u00c4gypter haben eine gewisse Neigung zu Verschw\u00f6rungstheorien. Aber der Zusammenhang zwischen Geld und Gewalt ist in diesem Land leider auch unbestreitbar. Nach dem Freispruch wird die Bef\u00fcrchtung wachsen, dass es nun noch \u00f6fter zu unerkl\u00e4rlichen Gewaltausbr\u00fcchen kommen k\u00f6nnte, die nur den einen Zweck haben: Das Land zu destabilisieren.<\/p>\n<p>Und dann gibt es da noch einen wirtschaftlichen Aspekt. Viele \u00c4gypter haben geh\u00f6rt, dass die Familie Mubarak in der Schweiz 85 Milliarden gebunkert habe. Die W\u00e4hrung spielt dabei keine Rolle, f\u00fcr die einen sind es US-Dollar, f\u00fcr die n\u00e4chsten Schweizer Franken, andere sprechen von Euro und die, die Pfund sagen, meinen damit sicher nicht \u00c4gyptische. Da dieses Geld inzwischen eingefroren ist, gibt es eine erkleckliche Anzahl \u00c4gypter, die tagt\u00e4glich auf dem Besuch vom Geldpostboten warten, der ihnen nun einen Umschlag mit 1000 irgendwas drin \u00fcberreicht, mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen von der Familie Mubarak an das betrogene Volk. Nat\u00fcrlich wird das nicht passieren. Doch mit dem Freispruch von Gamal und Alaa entsteht logischerweise die Bef\u00fcrchtung, dass sich die Mubaraks das Geld irgendwie wieder unter den Nagel rei\u00dfen, Geld, das eigentlich dem Volk zust\u00fcnde.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gibt es noch einen anderen Punkt. Das ist das Signal, das an ausl\u00e4ndische Unternehmen gesendet wurde. Jedes gro\u00dfe ausl\u00e4ndische Unternehmen, von M\u00f6venpick bis Vodafone, musste seinen Anteil in Form von Beteiligungen an Gamal abgeben. Sollte er die noch haben, dann wird er nach wie vor ein m\u00e4chtiger Mann sein. Schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass es sich manches Unternehmen jetzt noch einmal gut \u00fcberlegen wird, nach \u00c4gypten zu gehen, wenn dort die alten Seilschaften fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde feiern.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, ob und wie das Urteil von Kairo die Stichwahlen in zwei Wochen beeinflussen k\u00f6nnte. Geht die allgemeine Einsch\u00e4tzung dahin, dass dieser Spruch ein Sieg f\u00fcr das alte System war, dann wird das die Aussichten f\u00fcr den ehemaligen Premierminister Shafik deutlich schm\u00e4lern. Sollte es allerdings zu dramatischen Gewaltausbr\u00fcchen mit mehreren hundert Toten kommen, dann k\u00f6nnte Shafiks Wahlkampfparole, &#8222;wieder f\u00fcr Ordnung zu sorgen&#8220;, am Ende vielleicht sogar noch aufgehen.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es traurig: Da hat das Gericht ein wirklich historisches Urteil gef\u00e4llt und mit den Urteilen f\u00fcr die Mitangeklagten den ganzen Erfolg wieder verzockt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war aber clever gemacht, war meine erste Reaktion, als ich vom Urteil gegen Hosni Mubarak erfuhr. Er bekommt lebenslang, was nach menschlichem Ermessen ja so lange nicht mehr dauern kann. 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