{"id":177,"date":"2012-01-30T15:58:23","date_gmt":"2012-01-30T14:58:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=177"},"modified":"2012-01-30T15:58:23","modified_gmt":"2012-01-30T14:58:23","slug":"frauen-und-rechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2012\/01\/30\/frauen-und-rechte\/","title":{"rendered":"Frauen und Rechte"},"content":{"rendered":"<p>Nach meiner R\u00fcckkehr wurde ich in zwei Diskussionen verwickelt, die mich beide Male ein wenig verst\u00f6rt haben. Bei der ersten dachte ich im ersten Moment an einen Witz. Eine liebe Freundin fragte mich: &#8222;Sind da jetzt die Taliban an der Macht?&#8220; Sie meinte das tats\u00e4chlich ernst. Ich versuchte ihr zu erkl\u00e4ren, dass die Moslembr\u00fcder die Wahlen gewonnen haben, dass die Salafisten \u00fcberraschend die zweitst\u00e4rkste Partei geworden seien, aber dass beide Gruppierungen nicht miteinander k\u00f6nnten und dass sich die Moslembr\u00fcder wohl liberale Koalitionspartner holen w\u00fcrden. Ihr Gesicht lie\u00df gewisse Zweifel an meiner Erkl\u00e4rung ahnen, als h\u00e4tte ich ihr versichert, dass in Zukunft im Petersdom der Playboy gratis ausliege.<\/p>\n<p>Eine andere, mir ebenfalls liebe Freundin, stellte am gleichen Abend noch eine These auf, die in eine lautstarke Diskussion, ja Schreierei m\u00fcndete. Die Fusselb\u00e4rte (sie meinte damit wohl die Salafisten) w\u00fcrden \u00c4gypten zu einem zweiten Iran machen und alle Frauen unter den Vollgesichtsschleier zwingen. Im \u00fcbrigen werde sie niemals ihren Fu\u00df in ein Land setzen, in dem eine Frau den ihren nicht in eine Bar setzen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Was mich an diesen beiden Erlebnissen v\u00f6llig verst\u00f6rt hat, war die Tatsache, dass ich pl\u00f6tzlich als Verteidger der Moslembr\u00fcder auftreten musste. Das h\u00e4tte ich mir auch nie tr\u00e4umen lassen. Eher h\u00e4tte ich noch die FDP leidenschaftlich verteidgt. Aber man kann eben nicht alles haben.<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass sich die Rechte der Frauen in \u00c4gypten seit Beginn der Revolution nicht verbessert, sondern eher verschlechtert haben. Die Frauenquote im Parlement gibt es zum Beispiel nicht mehr. Deshalb sind nur sechs Frauen ins Parlament eingezogen. Es steht auch nicht zu erwarten, dass sich die Moslembr\u00fcder in absehbarer Zeit in einen Emanzenclub verwandeln. Im Gegenteil: Bef\u00fcrchtungen, dass in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten noch mehr Frauenrecht abgeknappert werden, sind nicht von der Hand zu weisen.<\/p>\n<p>Dagegen steht, dass die Frauen sich inzwischen wehren. Vor einigen Tagen haben selbsternannte Sittenw\u00e4chter der Salafisten versucht, ein Nagelstudio auseinander zu nehmen. Sie wurden von Kundinnen mit Zuckerrohrstauden verjagt. Diese kleine Episode mag zeigen, dass sich die Frauen nicht mehr alles gefallen lassen, zumal nicht die tapferen vom Tahrirplatz, die dort \u00fcbrigens bis heute noch bei Demonstrationen ganz anderen Repressionen ausgesetzt sind als M\u00e4nner.<\/p>\n<div id=\"attachment_179\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-179\" class=\"size-medium wp-image-179\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten-300x215.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten-1024x735.jpg 1024w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten-150x108.jpg 150w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten-225x162.jpg 225w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten-418x300.jpg 418w, https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/St\u00fcrmische-Zeiten.jpg 1050w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-179\" class=\"wp-caption-text\">St\u00fcrmische Zeiten in \u00c4gypten<\/p><\/div>\n<p>Nat\u00fcrlich kann einem Angst und Bange werden, wenn man um die Herkunft und die Geschichte der Moslembr\u00fcder wei\u00df. 1928 in Islameija von Hasan al Bana gegr\u00fcndet, waren die Moslembr\u00fcder urspr\u00fcnglich eine Widerstandgruppe gegen die Briten. Sp\u00e4ter haben sich alle islamistischen Freiheits- und Terrorgruppen die Moslembr\u00fcder als Vorbild genommen. Doch alles, aber auch wirklich alles deutet darauf hin, dass die &#8222;Br\u00fcder&#8220; zumindest diesen Teil ihrer Vergangenheit \u00fcberwunden haben. Ihr Frauenbild ist nicht das, das wir haben. Genausowenig wie ihre Vorstellung zum Thema Alkohol der unseren entspricht. Trotzdem werden sie den Alkohol in \u00c4gypten nicht verbieten und wollen den Fremdenverkehr sogar f\u00f6rdern. Mir scheint, dass die derzeitige F\u00fchrung der Moslembr\u00fcder und der zu ihr geh\u00f6renden Partei &#8222;\u1e24izb al-\u1e25urriya wa al-\u2019adala&#8220; (Partei f\u00fcr Freiheit und Gerechtigkeit) eher von Pragmatismus als von Dogmatismus getragen wird.<\/p>\n<p>Der israelische Ministerpr\u00e4sident Menachem Begin hatte 1946 als Kommandeur der Untergrundorganisation Irgun in Jerusalem das Hotel &#8222;King David&#8220; in die Luft gesprengt. Das Attentat forderte mindestens 91 Tote. 1978 bekam Begin den Friedensnobelpreis zusammen mit Anwar al Sadat f\u00fcr den Friedensvertrag von Camp David. Das zeigt, dass gerade im Nahen Osten der Weg vom Terroristen zum Friedensnobelpreistr\u00e4ger nicht so weit sein muss.<\/p>\n<p>Die Moslembr\u00fcder bleiben deshalb trotzdem gl\u00e4ubige Moslems und werden versuchen, ihre Politik nach ihrer konservativen Auslegung des Korans auszurichten. Aus westlicher Sicht mag das nichts Gutes f\u00fcr die Frauen bedeuten. Andererseits braucht das Land nun stabile Verh\u00e4ltnisse, sie m\u00fcssen die Versorgung sichern, das Gesundheitswesen wieder aufbauen und das Bildungswesen komplett renovieren. Genau daran werden die \u00c4gypter die Moslembr\u00fcder messen &ndash; ob es ihnen gelingt, das wirklich auf den Hund gekommene Land wieder einigerma\u00dfen nach vorne zu bekommen. Nachhaltigen Streit um Frauenrechte k\u00f6nnen sich die &#8222;Br\u00fcder&#8220; derzeit gar nicht leisten.<\/p>\n<p>Das Argument, dass Moslembr\u00fcder und Salafisten sich im Parlament zu einer Koalition von 70 Prozent Islamisten zusammenfinden, ist auch nicht so richtig stichhaltig. Zum einen haben das die &#8222;Br\u00fcder&#8220; kategorisch ausgeschlossen, zum anderen w\u00fcrden sich die m\u00e4chtigen Moslembr\u00fcder doch nicht mit den relativ kleinen Salafisten in einen Wettbewerb dar\u00fcber einlassen, wer nun der bessere Moslem ist.<\/p>\n<p>Fazit: F\u00fcr Frauen wird es im neuen \u00c4gypten zun\u00e4chst nicht leichter, sondern eher schwerer werden. Aber Vorstellungen, dass sie komplett aus dem \u00f6ffentlichen Leben oder hinter Vollgesichtsschleiern oder gar Burkas verschwinden, sind auch \u00fcbertrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach meiner R\u00fcckkehr wurde ich in zwei Diskussionen verwickelt, die mich beide Male ein wenig verst\u00f6rt haben. Bei der ersten dachte ich im ersten Moment an einen Witz. 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