{"id":137,"date":"2012-01-20T13:12:45","date_gmt":"2012-01-20T12:12:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/?p=137"},"modified":"2012-01-20T13:12:45","modified_gmt":"2012-01-20T12:12:45","slug":"bittere-erkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/2012\/01\/20\/bittere-erkenntnis\/","title":{"rendered":"Bittere Erkenntnis"},"content":{"rendered":"<p>Der Tourismusboom in Hurghada begann im November 1986. Im Juni 1991 kam ich zum ersten Mal in die Stadt, als ganz normaler Tauchtourist. Drei Jahre sp\u00e4ter begann ich hier gelegentlich als Tauchguide zu arbeiten. Seit 1997 schreibe ich \u00fcber den Fremdenverkehr in \u00c4gypten, 2003 erschienen meine ersten B\u00fccher zum Thema \u201e\u00c4gypten und der Tourismus\u201c. Eigentlich sollte ich Bescheid wissen. Ich habe die Urlaubsindustrie am Roten Meer als wirtschaftlich wichtigste Einnahmequelle beschrieben, weil rund jeder vierte \u00c4gypter direkt oder indirekt an dieser Industrie h\u00e4ngt. Ich habe auch \u00fcber die Gefahren berichtet, die dieses Ph\u00e4nomen mit sich bringt, dass n\u00e4mlich immer mehr Menschen in diesem Sektor arbeiten wollen, weil hier die L\u00f6hne h\u00f6her sind, als die Entlohnung f\u00fcr \u00c4rzte oder Lehrer.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Sonnenaufgang.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-138\" src=\"https:\/\/www.carpathia-verlag.de\/koulou-tamam\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Sonnenaufgang-300x208.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"208\" \/><\/a>Das marode Bildungssystem war ebenso ein Thema, wie das Furcht erregende staatliche Gesundheitssystem. Wer Anfang der 90er ins Generalhospital musste, wurde von den Freunden verabschiedet, als beg\u00e4be er sich auf eine Reise ohne Wiederkehr. Gl\u00fcck hatte, wer ins Marine-Hospital kam, und als schlie\u00dflich das private El Salam Hospital er\u00f6ffnet wurde, schien der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten. Die \u00e4gyptischen Sch\u00fcler lernen in der Schule zwar nichts, und die Eltern werden von den Lehrern, die die Kinder schlecht oder gar nicht unterrichten, aufgefordert, Geld f\u00fcr private Nachhilfestunden zu bezahlen, die eben diese Lehrer dann selbst geben \u2013 aber was soll\u2019s? In El Gouna entwickelte sich schnell eine inzwischen renommierte internationale Schule. Die vierte Klasse der deutschen Schule in Hurghada hat gerade den Mathematikpreis der Freien Universit\u00e4t Berlin gewonnen.<\/p>\n<p>Mal ganz ehrlich, der Fortschritt in \u00c4gypten schien doch nicht aufzuhalten!<\/p>\n<p>Fortschritt? Wenn es \u00fcberhaupt so etwas wie Fortschritt gegeben hat, dann nur in einem kleinen privatfinanzierten Bereich, der auch nur einer immer kleiner werdenden Gruppe von \u00c4gyptern zugute kommt, n\u00e4mlich der, die Geld hat. Ansonsten sind es Ausl\u00e4nder, die von privaten Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen profitieren.<\/p>\n<p>Heute muss ich einsehen, dass \u00c4gypten in diesen 20 Jahren, in denen ich das Land bereise und dar\u00fcber berichte, v\u00f6llig auf den Hund gekommen ist \u2013 und ich habe es nicht einmal bemerkt. Und ich bin nicht der einzige Europ\u00e4er hier, dem diese Einsicht so langsam d\u00e4mmert. Es ist nicht so, dass wir die Missst\u00e4nde nicht gesehen h\u00e4tten. Was wir v\u00f6llig ausgeblendet haben, war die Tatsache, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer wurde. Wir haben das \u00dcbel als etwas Statisches betrachtet, das zu dem Land geh\u00f6rt, wie die Pyramiden. Eine schnell wachsende Metropole wir Hurghada hat nat\u00fcrlich dar\u00fcber hinweg get\u00e4uscht, dass es mit dem gesamten Land in gleichem rasanten Ma\u00dfe bergab ging. Als ich das erste Mal \u00c4gypten verlie\u00df, wurde mein Gep\u00e4ck noch mit einer Personenwaage abgewogen! Inzwischen gibt es hier einen hochmodernen Airport. Fr\u00fcher brauchte der Reisende Travellerschecks und Dollar, heute stehen an allen Ecken Geldautomaten. McDonalds und Burger King sind auch schon da. Das alles kann doch kein Zeichen f\u00fcr R\u00fcckschritt sein! Vielleicht nicht, aber es hat m\u00f6glicherweise den Blick darauf verstellt, wie rasant sich die grundlegenden Dinge f\u00fcr die allgemeine Bev\u00f6lkerung verschlechtert haben.<\/p>\n<p>Urlauber m\u00fcssen sich dar\u00fcber keine Gedanken machen. Sie sollen hier ihre wohlverdienten Ferien genie\u00dfen. Aber die, die leben, lebten, arbeiten oder gearbeitet haben, k\u00f6nnten sich heute vielleicht die ein oder andere Frage stellen. Nat\u00fcrlich ist der Tourismus nicht schuld daran, dass die Dinge so liegen, wie sie nun mal liegen. Aber komisch ist es schon, dass die Europ\u00e4er w\u00e4hrend der \u00e4gyptischen Revolution viel panischer reagiert haben, als ihre \u00e4gyptischen Mitbewohner. Die nehmen die Umw\u00e4lzung mit der Gelassenheit einer 7000 Jahre alten Hochkultur. Zwar gehen sie jetzt wegen jedem Dreck auf die Stra\u00dfe und demonstrieren lautstark, aber die Zukunftsangst der Europ\u00e4er kennen sie nicht. Warum auch? Sie haben ja viel weniger zu verlieren. Und? Was wird aus eurem Land? \u201eMafish mushkella\u201c \u2013 \u201eKein Problem\u201c. Irgendwie wird es schon klappen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tourismusboom in Hurghada begann im November 1986. Im Juni 1991 kam ich zum ersten Mal in die Stadt, als ganz normaler Tauchtourist. Drei Jahre sp\u00e4ter begann ich hier gelegentlich als Tauchguide zu arbeiten. 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